Patricia war es leid. Jedesmal, wenn Sie die Tür zu Ihrer Kollegin aufstiess, um die Rechnungen der  Kunden abzugleichen, hatte sie schon ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Ihre Kollegin, die Finanzbuchhalterin, war so ganz anders als sie. Kommunikation zählte nicht zu ihren Stärken, auch wenn sie im Kern ja doch oft Recht hatte. Sie verwies Patricia zielsicher auf die internen Vorgaben, wenn sie Kunden beispielsweise besondere Konditionen zugestehen wollte. An solchen Tagen war es Patricia einfach zuviel : sie hatte schon genug mit Kundenreklamationen um die Ohren, als dass sie sich noch die unterschwelligen Zurechtweisungen der Kollegin anhören wollte.

Kennen Sie solche Situationen auch ? Die lieben Arbeitskollegen…mit manchen kommt man besser aus als mit anderen. Wie in jeder Organisation. Man kann sie nicht umgehen oder ignorieren, man muss ja mit ihnen zusammenarbeiten. Immer wieder. Vielleicht sogar jeden Tag. Diese Situationen würden wir als äussere« Stressfaktoren » bezeichnen. Innere Stressoren kreieren wir dagegen durch unser eigenes Kopfkino , wenn wir uns beispielsweise selbst unter Druck setzen.

Stressfaktor Kollege

An manchen Tagen kann ein solcher « Kollegen-Stress » unser Frustrationslimit zum Explodieren bringen : wir drehen uns in unseren negativen Gedankenschleifen, immer und immer wieder. « Warum kann sie nicht einmal freundlich mit mir sprechen ? », « Warum spüre ich schon diesen Kloss im Hals, wenn nur ihre Telefonnummer auf meinem Display auftaucht? «  usw usw. Mit diesen Gedanken gehen dann unangenehme Gefühle und Körperreaktionen einher und am Ende des Tages fühlen wir uns einfach nur noch müde. Vielleicht spüren wir das als innere Angespanntheit oder Muskelverspannungen, wenn wir genervt sind.

Normal ? Sicher ganz normaler Berufsalltag. Aber möchten Sie etwas daran ändern ? Natürlich, werden Sie sagen, wenn die Kollegin endlich weg wäre, dann wäre mein Problem gelöst.

Die schlechte Nachricht lautet : das wird leider nicht passieren. Die gute Nachricht lautet : Sie selbst können etwas dagegen tun, auch ohne das Zutun ihrer Kollegen.  Bevor ich aber auf meine Tipps zu dem Thema eingehe, vorab noch ein paar Hintergrundinformationen.

Stress ist ansteckend

Sehen wir uns doch mal an, was die Forschung zu dem Thema berichtet. Tania Singer am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und Clemens Kirschbaum von der Technischen Universität Dresden haben hierzu im Jahre 2014 eine grossangelegte Studie gemacht (Link einbinden : https://www.mpg.de/forschung/stress-empathie). Dabei kam heraus, dass es schon ausreicht, eine andere Person in einer stressigen Situation zu beobachten, damit der eigene Körper das Stresshormon Kortisol ausschüttet.

Um also wieder auf die Kollegin zu kommen : durch ihr schroffes oder unfreudliches Verhalten gegenüber anderen « verbreitet » sie Stress. Das leuchtet jedem von uns ein. Manchmal betreten wir schon auch einen Raum ode reine Abteilung und spüren regelrecht die Stimmung unter den Mitarbeitern. Und dieses Gefühl überträgt sich dann auf uns, ob wir das wollen oder nicht. Das prägt den Begriff « empathischer Stress ».

Stressviren brauchen keine Bekannten

In der Studie zeigte sich, dass immerhin 26 Prozent der Beobachter einer angespannten Diskussion, die also selbst keinerlei Stress ausgesetzt waren, einen physiologisch bedeutsamen Anstieg von Kortisol entwickelten. Der Effekt war besonders stark, wenn Beobachter und gestresste Person eine partnerschaftliche Beziehung verband (40 Prozent), aber auch bei völlig fremden Menschen (10 Prozent).

Die Kollegin wird wohl irgendwo zwischen den 10 und 40 Prozent liegen : fremd ist sie uns nicht, aber in den Urlaub würden wir mit ihr dennoch nicht fahren wollen J

Schön und gut, werden Sie jetzt sagen, das wusste ich ja schon vorher. Die Wissenschaft liefert zwar Erklärungsansätze, aber das hilft mir hier auch nicht weiter.

Ich möchte Ihnen deshalb ganz konkrete Tipps geben, wie Sie künftig solche Situationen besser in den Griff bekommen, ohne dabei unnötig Energie zu verlieren. Denn unangenehme Gefühle bedeuten auch Energieverlust. Allerdings will ich dabei nicht bei der Kollegin andocken, sondern bei Ihnen !

Wer ist für wen verantwortlich ?

So, nun wird es ernst. Ja, wir beginnen erst mal bei Ihnen. Natürlich wäre es viel einfacher, der Kollegin die Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Es sieht ja logisch gesehen alles danach aus. Ich möchte Sie aber einladen, die Dinge mal von einer ganz anderen Seite zu betrachten.

Gehen wir mal davon aus, dass Sie Ihre Kollegin erst mal nicht ändern können. Und gehen wir noch weiter davon aus, dass Sie für Ihre Gedanken und Gefühle verantwortlich sind und Ihre Kollegin für die ihre eigenen.

Damit sind wir beim Schlüssel zur Lösung angekommen : Sie können Ihre Haltung verändern, also die  Art und Weise, wie Sie auf die Kommunikation ihrer Kollegin reagieren. Denn wenn Sie vielleicht Probleme mit der Kommunikation ihrer Kollegin haben und auch darunter leiden, muss das nicht bei allen andern Personen auch so sein. Ihre Reaktion ist höchst individuell und hängt von Ihrern eigenen emotionalen Triggern ab. Und diese können Sie durch regelmässiges Üben « transformieren ».

Tipp 1 Innehalten und Verantwortung übernehmen

Es geht jetzt wirklich um Sie. Um Ihre eigene Welt der Gedanken und Gefühle. Und diese müssen Sie erst mal wahrnehmen, um etwas verändern zu können.

Und Sie brauchen einen Moment Ruhe. Ja, Ruhe ! Ich weiss, es ist immer Stress und Hektik um uns herum, aber keiner kann mir sagen, dass er sich nicht mal 5 Minuten zurückziehen oder auch mal die Türe zum Büro schliessen kann. Ein buddhistisches Sprichwort lautet « Man erkennt sein Spiegelbild nur im ruhigen Gewässer, nicht im fliessenden. ». Das sollten Sie wörtlich nehmen.

Und dann nehmen sie ganz ehrlich Veranwortung für Ihre Gedanken und Gefühle. Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf ? Was fühlen Sie ? Vielleicht : « Sie mustes schon wieder auf den Fehler bei der Lieferfrist hinweisen » und « ich fühle mich dabei frustriert oder genervt ». Sie finden sicher etwas.

Tipp 2 Schreiben Sie Ihre Gedanken und Gefühle auf

Schreiben ist ein Ausdruck der Kommunikation und hat eine andere Qualität als nur das Denken an eine Situation. Wenn Sie die Dinge aufschreiben, wechseln Sie die Perspektive : Sie beobachten sozusagen Ihr Verhalten. Stellen Sie sich das wie eine Art neutralen Beobachter vor.

In dem Moment wird sich schon etwas bei Ihnen verändern. Vielleicht wird das Gefühl schon weniger intensiv.

Aber halten Sie es bitte einfach. Fangen Sie nicht an, zu analysieren, warum Sie das Gefühl haben. Das ist jetzt nicht der richtige Moment, noch haben Sie die Zeit hierfür. Notieren Sie einfach, nehmen Sie wahr, ohne zu werten.

Tipp 3 Reduzieren Sie die negative Ladung der Situation

Sie fühlen sich trotz des Aufschreibens noch immer sehr emotional ? Dann wäre jetzt eine gute Gelegenheit, die negative Ladung der Situation zu reduzieren. Wie das geht ?

Martina und ich verwenden hierbei immer eine sehr einfache Atemübung, die effizient ist und in Kürze ihre Wirkung zeigt. Sie besteht aus 2 Schritten :

  • Schritt 1 : Sie konzentrieren sich gedanklich auf die Region Ihres Herzens
  • Schritt 2 : Sie stellen sich vor, wie Sie über diese Region ein- und ausatmen

Diese Übung machen Sie 2-3 Minuten. Wenn es Ihnen wirklich gelingt, den Fokus zu verändern, also vom Kopf hin zum Herzen, werden Sie spüren, wie Sie unmittelbar ruhiger und gelassener werden.

 

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Umsetzung meiner Tipps und bin gespannt auf Ihre Kommentare – schreiben Sie mir doch, ob es bei Ihnen funktioniert hat.

 

Sylvie Bueb
Sylvie Bueb ist Personalexpertin und Trainerin und betreibt mit Martina Baehr „Die Gelassenheitsformel“ ein 6-Schritte-Programm zu mehr Erfolg und Souveränität im Berufsalltag.