Ingenieure sind Spezialisten in ihrem Gebiet. Sie haben eine Expertise, ein Fachwissen, auf das wir gerne zurückgreifen. So auch ein Ichthyologe, einen Fachbereich, den Sie wahrscheinlich noch nie vorher gehört haben.

 

Es ist ein Spezialist der Fischkunde und sehr gewissenhaft in der Ausübung seiner Tätigkeit. Er betreibt Fischfang und hat hierfür ein hocheffizientes Netz von 5 Zentimetern Maschenweite konzipiert. Seine wissenschaftliche Arbeit besteht nun darin, jeden einzelnen Fisch zu vermessen. Nach vielen Versuchen und gewissenhafter Methode postuliert er als wissenschaftliches Gesetz und sagt: „alle Fische sind grösser als 5 Zentimeter“. Sein Gesetz ist unanfechtbar, weil es jederzeit reproduziert werden kann.

 

Nun kommt ein kritischer Geist ins Spiel, sagen wir ein Quantenphysiker. Dieser sagt zu dem Ichthyologen: „Dein Gesetz stimmt nicht. Das Universum des Meeres umfasst bedeutend mehr Fische, weil all jene hinzukommen, die durch dein Netz geschlüpft sind.“ Darauf entgegnet der Ichthyologe: „ Doch, das Gesetz stimmt. Was ich nicht fangen kann, ist kein Fisch. Es ist kein Objekt von der Art, wie der Fisch in der Fischkunde definiert wird.“

 

 

Unsere Messmethoden greifen auf bewährte Muster zurück

 

Diese Parabel hat mich fasziniert und nachdenklich gemacht. Sie wird gerne vom Quantenphysiker Hans-Peter Dürr zitiert. Sie veranschaulicht in sehr anschaulicher Art und Weise in welchem Dilemma wir in unserem aufgeklärten, technologisch orientierten Weltbild oft stecken: wir entwickeln immer raffiniertere Netze zur Erfassung der Wirklichkeit, doch können wir diese letztendlich nie vollständig erklären. Denn unsere Messmethoden greifen auf logische Prozesse und Denkstrukturen zurück, die wir bereits kennen.

 

Diese Debatte haben wir derzeit auch in unseren Unternehmen, unserer Arbeitskultur. Unser Fokus liegt auf Effizienz, reibungslosen Funktionieren, logischer Entscheidungsfindung „hard core“, Methoden und Prozesse. Doch damit kommen wir immer mehr an unsere Grenzen. Multitasking, internationale Vernetzung und Kommunikation verlangt von uns Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Uns das immer schneller. Da der Mensch aber keine Maschine ist, greift das Credo der Sachlichkeit und Effizienz immer weniger.

 

 

Die Sehnsucht jenseits der Fangnetze

Viele Mitarbeiter, auch und insbesondere sehr belastbare, fühlen hier eine Diskrepanz. Denn beim „hard-core“ Ansatz fehlen die „weichen“ Faktoren, die, die eben nicht so einfach zu messen sind. Dazu zählen beispielsweise Wertschätzung, Empathie und gegenseitige Anerkennung und Unterstützung. Wir haben irgendwie das Gefühl, dass uns etwas fehlt, in unseren effizienzgetriebenen Prozessen. Benennen können wir es aber nicht wirklich, haben aber die Sehnsucht nach dem „jenseits“ der Fangnetze: die Tiefe des Ozeans, das Rauschen des Wassers und das Flimmern der Meeresoberfläche. All den Werten, die das große Ganze beschreiben und unserem täglichen Treiben einen tieferen Sinn geben.

 

Reine Materie gibt es nicht

 

An dieser Stelle möchte ich nochmals Hans-Peter Dürr zitieren, der dies sehr anschaulich in einem Radiointerview illustriert. Darin spricht er davon, inwieweit die neue Physik, also die Quantenphysik, unseren derzeitigen Begriff der Wissenschaft, vom Objektiven, Greifbaren, in Frage stellt:

„Materie im täglichen Leben ist uns sehr wichtig, da wir damit etwas begreifen, erklären können. Die reine Materie gibt es aber gar nicht, da feste Substanz verschwindet, je weiter wir die Materie in Einzelteile zerlegen. Was übrig bleibt ist die Beziehungsstruktur ohne materiellen Träger.“

 

Am Anfang steht die Beziehungsstruktur

 

Dieses Wissen stammt bereits aus den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts, aber ins kollektive Bewusstsein dringt diese Information erst langsam vor. Es ist ja auch verständlich: Materie, das was wir greifen können, können wir erklären. Was wir erklären können, gibt uns Sicherheit. Was passiert aber, wenn aus Gewissheiten nun nur noch Möglichkeiten werden?

 

Wir erkennen nun die Grenzen unseres Wissens. Bewährte Strategien zur Problemlösung greifen nicht mehr. Ein Umdenken ist also erforderlich. Aber wohin soll die Reise gehen?

 

Eine Möglichkeit ist das Comeback der „soft cores“, also all die Begriffe, die wir so viele Jahre bewusst oder unbewusst außer Acht gelassen haben. Das heißt konkret, dass wir wieder Zugang zu unseren Emotionen und innerlichen Befindlichkeiten bekommen. Wir unsere Entscheidungen nicht nur logisch-mental, sondern auch intuitiv treffen. Deswegen muss ich mein Wissen, meine Erfahrungen nicht über Bord werfen. Es geht darum, den Rahmen, die Betrachtung des Gesamtbildes zu erweitern. Wie oft „wissen“ wir Dinge einfach intuitiv, ohne dass wir dafür eine logische Erklärung abliefern können?

 

Wieder Zugang zu sich zu finden, ist für mich so wie ein Eintauchen in die Schönheit des Universums, dem Rauschen des Meeres, dessen Teil ich bin. Das kann ich ganz bewusst tun. Darauf habe ich Einfluss. Und das gibt mir die Sicherheit, die ich brauche in einer Welt, die sich immer schneller dreht und im ständigen Wandel begriffen ist.

Sylvie Bueb
Sylvie Bueb ist Personalexpertin und Trainerin und betreibt mit Martina Baehr „Die Gelassenheitsformel“ ein 6-Schritte-Programm zu mehr Erfolg und Souveränität im Berufsalltag.