In der Arbeitswelt wird viel über Arbeit 4.0 gesprochen, oder anders ausgedrückt ein Upgrade der Arbeit. Die meisten denken dabei an Technik, Digitalisierung und Automatisierung. Auch die Wortwahl/die Sprache lässt schon tief blicken.

Als Stephan Stockhausen zu seiner Blogparade Fortschritt in Beziehungen aufgerufen hat, war mir sofort klar dass gerade in den Arbeitsbeziehungen ein wichtiger Ansatzpunkt steckt, der im Rahmen des anstehenden Wandels viel stärker in den Fokus rücken muss. Um die Aufmerksamkeit von der Technik auf den Menschen und seine Gestaltungskraft zu richten.

Das folgende Zitat drückt für mich aus, dass heutzutage manche Dinge auf dem Kopf zu stehen scheinen:

„Menschen wurden erschaffen um geliebt zu werden. Dinge wurde geschaffen um benutzt zu werden. Der Grund, warum sich die Welt im Chaos befindet, ist weil Dinge geliebt und Menschen benutzt werden“ (Dalai Lama).

Jeder Mensch lebt in Beziehungen. Lernen und arbeiten ist ohne funktionierende Beziehungen gar nicht möglich. Wie aber muss Beziehung aussehen, damit Sie unseren Bedürfnissen nach einer guten Arbeitsbeziehung entspricht? Gehören Liebe/Verbundenheit, Mitgefühl und Wertschätzung überhaupt in den Unternehmenskontext?

Wie können wir den technischen Wandel mit unseren menschlichen Bedürfnissen in Einklang bringen?

 

Ich bin überzeugt, dass wir genau hier ansetzen müssen. Wenn wir den technischen Wandel mit den sozialen, menschlichen Bedürfnissen wieder in Einklang bringen wollen.

Durch den einseitigen Fokus auf die Technik, Rationalisierung und Standardisierung hat sich unser Bild des Menschen mehr und mehr auf das Objekt reduziert. Der Mensch als Funktions- und Leistungsträger. Er hat einen Zweck zu erfüllen. Für diesen Zweck wurde er ausgebildet und angeleitet. Vieles andere, was den Menschen ausmacht wird als störend oder überflüssig empfunden.

Diese Tendenz hat sich mit zunehmender Mechanisierung und Digitalisierung immer weiter verschärft. Der Mensch als Maschine. Kein Wunder, das einige sich ernsthaft die Frage stellen, ob der Mensch prinzipiell durch Maschinen – eine sogenannte künstliche Intelligenz – ersetzt werden kann. Also mit der Maschine sozusagen in ständigem Wettbewerb steht.

Auf Basis meiner bisherigen Erfahrungen habe ich mir die Frage gestellt, was sich konkret verändern müsste, damit wir den Wandel hin zu guten und menschlichen Arbeitsbeziehungen schaffen. Arbeitsbeziehungen, die nicht ausschließlich auf Funktion und Zweck hin ausgerichtet sind. Sondern, die den ganzen Menschen fordern und fördern. Dazu habe ich drei ganz konkrete Punkte identifiziert, die ich persönlich sehr wichtig finde:

 

1. Mehr Selbstbewusstsein entwickeln

 

Heute schauen viele Menschen nach außen, wenn sie etwas verändern möchten. Das geht so weit, dass manche von uns glauben, wenn sich im Außen – den Strukturen, der Einstellung und dem Verhalten anderer – nichts verändert, dann fange ich gar nicht erst an. Viele verändern sich erst dann, wenn technische Anforderungen bzw. die dadurch notwendigen Veränderungen keine Alternative mehr zulassen.

Dadurch stellen wir die Zusammenhänge auf den Kopf. Denn aus meiner Sicht ist es genau umgekehrt: Wir selbst sind die einzigen auf die wir wirklich Einfluss haben. Eine Veränderung unserer inneren Einstellung und unseres Verhaltens ist die schnellste und wirksamste Maßnahme die es gibt. In uns selbst steckt die Schöpferkraft, die Veränderungen aktiv zu gestalten. Das setzt allerdings Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für uns selbst und in der Beziehung zu anderen voraus. Weil wir aber so sehr auf das Äußere fixiert sind, glauben wir genau dafür keine Zeit zu haben.

Dabei wissen wir eigentlich ganz genau, wie wichtig in diesem Zusammenhang das Vorleben einer gewünschten inneren Haltung ist. Ich bin mir sicher, viele von Ihnen würden den folgenden Aussagen zustimmen:

  • Ein Chef, der kein Vertrauen in seine Mitarbeiter hat, womöglich sich selbst nicht vertraut, schafft ein Klima des Misstrauens.
  • Eine Führungskraft, die nicht auf ihre Gesundheit achtet und ständig über ihre Bedürfnisse hinweggeht, verursacht mehr Fehltage und kranke Mitarbeiter in ihrer Abteilung/ihrem Zuständigkeitsbereich.
  • Mitarbeiter, die Informationen festhalten, anstatt sie mit anderen zu teilen, schaffen Widerstand und mangelnde Offenheit auch bei ihren Kollegen oder Kunden.

Solche Zusammenhänge sind mittlerweile sogar durch Studien belegt. Bei der gewünschten Veränderung können uns Methoden nur bedingt weiterhelfen. Wir müssen bei uns selbst und unserer inneren Einstellung anfangen, wenn wir wirksame Veränderung wollen. Das gilt für die Führungskraft ebenso wie für die Mitarbeiter.

 

Welche Veränderungen wünschen Sie sich bei Ihren Arbeitsbeziehungen?

Stellen Sie sich doch mal die Frage, welche Veränderung Sie sich am meisten wünschen, damit ihr Arbeitsalltag menschlicher und erfüllender wird.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von ihrem Vorgesetzen oder ihren Kollegen? Dann fragen Sie sich doch einfach, womit Sie andere unterstützen können, damit sie noch erfolgreicher werden.

Sie wünschen sich mehr Wertschätzung und Anerkennung für ihre Arbeit? Dann schauen Sie sich um und geben Sie anderen Rückmeldungen, wenn sie etwas gut erledigt haben. Wertschätzen Sie sich selbst und andere, wenn etwas nicht so gut gelaufen ist. Für ihren Mut auch mal etwas auszuprobieren.

Eine gewünschte innere Haltung ist eine neue Gewohnheit mit der Sie alte, nicht mehr passende innere Programme ersetzen. Je öfter sie das anwenden und damit einüben, umso mehr verstärkt sich das gewünschte Muster. Auf diese Art und Weise werden Sie selbstbewusster und erkennen ihre Wirksamkeit auf sich selbst und andere. So erhalten wir auch unsere Handlungsfähigkeit zurück und reagieren nicht einfach nur auf den technologischen Wandel.

 

2. Das „Unperfekte“ bei sich und anderen wertschätzen

 

In einer Welt der Standards, Prozesse und Normen ist es oft schwierig den Wert des Unperfekten zu schätzen. Unsere Wahrnehmung ist schon von Schulzeit an darauf ausgerichtet, die Vorgaben von anderen möglichst genau zu erfüllen, um Anerkennung zu erhalten.

Deshalb ist unsere Aufmerksamkeit oft darauf gerichtet, etwas richtig oder perfekt zu machen. Wir sprechen zwar alle vom Nutzen einer sogenannten „Fehlerkultur“. Aber in der Realität sieht es oft dann doch ganz anders aus. Wir trauen uns nicht, einfach mal etwas auszuprobieren und Dinge zu tun, die erst einmal nicht perfekt sind. Mir ist der Wert des „Unperfekten“ neulich an einem Beispiel besonders deutlich geworden. Ich habe mit Kollegen zusammen ein Barcamp vorbereitet. Um im Vorfeld auf das Barcamp und unsere Themen aufmerksam zu machen, haben wir Interviews über Google Hangouts geführt.

Dann stand mein erstes Interview an. Nachdem es beim ersten Termin einige technische Probleme mit dem Zugang zum virtuellen Raum gab, hat es dann beim zweiten Termin mit meinem Interviewpartner endlich geklappt. Das Interview war im Kasten. Inhaltlich war es gut geworden. Allerdings hatte ich nicht so genau darauf geachtet, in die Kamera zu schauen. So dass ich die (virtuellen) Zuschauer oft nicht angesehen habe. Das habe ich  in der Aufzeichnung durchaus gesehen, mich dann aber entschieden, dieses Interview trotzdem zu veröffentlichen.

Was glauben Sie was passierte ist, als ich dieses Interview der ersten Person zeigte? Er hat sich lediglich die ersten 3 Minuten (von insgesamt 25 Minuten) angesehen und sagte mir, das ginge ja gar nicht. Es sei schon besser, wenn man solche Dinge den Fachleuten mit dem entsprechenden Equipment überlassen würde. Gott sein Dank bekam ich innerhalb des nächsten Tages gleich einige anderslautende Rückmeldungen. Denn ich hatte mir natürlich schon die Frage gestellt, ob meine Entscheidung wirklich richtig war.

 

Die Angst Fehler zu machen, verhindert unsere Kreativität.

Das hat mir wieder einmal deutlich gemacht, warum viele von uns wissen, was zu tun ist, aber trotzdem nicht anfangen. Weil sie einfach Angst haben, nicht perfekt zu sein und Fehler zu machen. Dabei ist das am Anfang ganz normal, so funktioniert das  mit der Kreativität. So lernen wir, gerade auch in Unternehmen. Ich kenne das aus IT-Projekten nur zu gut. Aber auch hier machen wir ellenlange Fehlerlisten, oft ohne das zu honorieren was schon funktioniert. Wenn wir lernen, das Unperfekte wertzuschätzen entwickeln wir Selbstwertgefühl. Weil wir auf die Dinge achten, die uns schon gelungen sind.

Denken Sie doch mal drüber nach: Wann haben Sie das letzte Mal etwas verworfen bzw. nicht angefangen, weil Sie meinten, dass Sie noch nicht so weit sind? Wann haben Sie das letzte Mal jemanden ermutigt etwas auszuprobieren? Jemanden unterstützt, anstatt ihm aufzuzeigen, was noch nicht perfekt gelaufen ist?

Ja, wir brauchen die gegenseitige Unterstützung, die gegenseitige Wertschätzung des „Unperfekten“ auf unserem Weg, das gibt uns Mut und Kraft weiterzumachen.

 

3. Die eigene Intuition anerkennen und weiterentwickeln.

 

In einer Welt in der die Technik einen so großen Raum einnimmt spielen Daten, Fakten und Kontrollierbarkeit eine große Rolle. Ergebnisse sollten am besten messbar und objektivierbar sein. Das geht soweit, dass manche Menschen Zahlen, Daten und Fakten mit der Realität gleichsetzen.

Nein, eine Mitarbeiterbefragung spiegelt nicht die Zufriedenheit der Mitarbeiter wieder. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich nach aussagekräftigen Zahlen gefragt wurde, wenn es um Investitionen und Projektanträge geht. Ich will hier jetzt nicht die Erstellung von Business Cases infrage stellen. Aber das ist ja nicht alles. Zahlen, Daten und Fakten nehmen keine Realität vorweg, gerade dann nicht, wenn es um neue, noch unbekannte Themen geht. Sie beziehen sich immer auf bereits bekannte Zusammenhänge und Sachverhalte.

 

Was ist Intuition?

An dieser Stelle möchte ich die Bedeutung von Intuition näher erläutern. Dazu möchte ich erklären, was ich unter Intuition verstehe. Erstmal unterscheide ich zwischen Intuition und Bauchgefühl. Bauchgefühl hat für mich etwas mit Instinkt zu tun. Mein Grummeln im Magen, wenn ich eine Bewerbung vor mir liegen habe, beispielsweise. Intuition bedeutet für mich in einen Zustand erweiterter Wahrnehmung zu gehen. Ich bin in einem meditativen, entspannten Zustand. In dem meine Aufmerksamkeit nicht auf das bewusste Denken konzentriert ist. Sondern ein Zustand in dem ich offen bin, meine Gefühle, meine Körpersignale, Einfälle, Ideen und Gedanken wahrzunehmen. Instinkt und Intuition bzw. deren Ergebnisse sind oft gar nicht voneinander zu trennen.

Beides, Instinkt und Intuition, werden nach meiner Auffassung in unserem aktuellen Unternehmenskontext nicht ausreichend wertgeschätzt. Zwar gibt es viele Befragungen, die zeigen, dass erfolgreiche Unternehmer gerade auch auf ihr Baugefühl und ihre Intuition hören.

Tatsächlich wird bei Problemlösungen und Entscheidungen, gerade wenn mehrere Personen bzw. Teams beteiligt sind, meist auf rationale Techniken und Methoden gesetzt. Gefühle und Instinkte werden am liebsten ausgeblendet, man will sie lieber nicht einbeziehen, weil sie ja nicht objektiv sind. Und weil wir so sehr auf rationale Methoden und Entscheidungen fixiert sind, bringen wir uns um das Potenzial, das Instinkt und Intuition uns bieten.

Im Kontext von Beziehungen heißt das ganz konkret: Bei gemeinsamen Planungen, Problemlösungen und Entscheidungen sollte man auch auf die Gefühle und Körperwahrnehmungen (aus dem Bauch heraus) achten. Sie geben uns wichtige Hinweise auf unsere Ressourcen. Wenn wir dabei lösungsfokussiert vorgehen im Sinne von „Was braucht es noch, damit wir erfolgreich sind?“ kann man auch in Gruppen/Teams viele Ideen generieren, die mit einem rein rationalen Ansatz nicht ans Tageslicht kommen. Wir – also Sylvie und ich  -setzen dazu eine Technik ein, die sich Heart Mapping nennt.

Das erfordert ein wenig Übung und vor allem Offenheit, solche Ansätze auch mal auszuprobieren. Ich bin mir sicher, wenn die Komplexität zunimmt und wir stimmigere Entscheidungen treffen wollen, kommen wir nicht umhin, unseren Instinkt und unsere Intuition einzusetzen. Und das nicht nur bei Innovationen bzw. FuE-Teams.

 

Mein Fazit: Emotionen, Instinkte, Sensibilität und Intuition machen den Menschen aus.

 

Mein Fazit lautet, wenn wir den Wert des Menschlichen wieder schätzen möchten, dann sollten wir dafür sorgen, dass neben dem rationalen Denken, Gefühl/Emotionalität, Instinkt, Sensibilität und Intuition wieder den Stellenwert bekommen, der ihnen gebührt. Genau das sind die Eigenschaften, die den Menschen und seine Beziehungen ausmachen und die ihn von der Maschine unterscheiden.

 

 

 

Martina Baehr
Martina Baehr ist Projektmanagerin, Trainerin, Coach und Inhaberin von Projektmanagement plus. Sie unterstützt ihre Kunden bei der Entfaltung ihres persönlichen Erfolgs-Mindsets, um selbstbewusster und gelassener zu arbeiten und leichter mit Veränderungen umzugehen.