Neulich las ich ein sehr interessantes Interview mit Trivago-Chef Rolf Schrömgens in der Wirtschaftswoche. Folgender Gedanke ist bei mir besonders hängengeblieben:

„Ich glaube, dass es einfach Energie kostet, wenn man nicht bei sich selbst ist. Es gibt sehr viele Mechanismen im Berufsalltag, die uns von uns wegbringen: Die Kleidung, die ich glaube tragen zu müssen, mich professioneller zu geben als ich bin und so etwas. Das kostet unglaublich Energie. Und das ist bei einem Unternehmen auch so. Je weiter ich mich vom Kern wegbewege, desto mehr Energie muss man aufwenden. Die kann man aber besser einsetzen.“ Rolf Schrömgens, CEO Trivago

 

Das ist eine sehr gute Beobachtung, die ich auch immer wieder bei mir selbst und meinen Kunden feststellen kann: Wir verlieren wahnsinnig viel Energie, um etwas darzustellen oder etwas zu tun was uns gar nicht entspricht. Ganz einfach weil wir das als Kinder so gelernt haben und sich dieses Verhalten ganz tief in unser Unbewusstes eingeprägt hat.

  • Wie oft tun Sie etwas, obwohl Sie im tiefsten Inneren wissen, dass ein anderer Weg besser wäre? Nur weil es ihr Chef, ein Berater oder ein Experte gesagt hat?
  • Wie oft sagen Sie ja und übernehmen eine Aufgabe, obwohl Sie diese lieber ablehnen würden und ihre Zeit anderweitig nutzen möchten?
  • Wie oft geraten Sie unter Zeitdruck, weil Sie zu viel auf einmal in Angriff nehmen, anstatt sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren?

Eigentlich wissen wir was zu tun wäre. Aber handeln wir auch entsprechend? Warum übersteuern uns solche Verhaltensprogramme immer wieder, obwohl wir es doch besser wissen müssten?

 

Über Energie und Emotionen

Das ist eine Frage, der ich in diesem Artikel nachgehen möchte. Dazu möchte ich zunächst einmal den Begriff der Energie näher beleuchten. Wir alle benutzen ihn oft und in verschiedensten Zusammenhängen:

 

  • Wir fühlen uns kraftvoll und voller Energie eine neue Herausforderung in Angriff zu nehmen.
  • Wir fühlen uns voll positiver Energie nach einem guten Kundengespräch.
    oder aber
  • Wir fühlen uns leer und ohne Energie, weil an diesem Tag vermeintlich alles schief gelaufen ist.
  • Wir haben das Gefühl ein anstrengendes Meeting hätte förmlich all unsere Energien aufgesaugt.

Wie Sie an diesen Sätzen schon erkennen können, hat Energie etwas mit unseren Gefühlen oder noch besser gesagt unseren Emotionen zu tun. Auf eine einfache Formel gebracht können Sie sagen:

  • Angenehme oder positive Gefühle geben Ihnen Energie.
  • Unangenehme oder negative Gefühle rauben Ihnen Energie.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten in ihrem Inneren eine Batterie, die sich ständig auf- und entlädt – je nachdem was Sie gerade denken, wahrnehmen und wie Sie das Wahrgenommene beurteilen. Denn genauso ist es: Wenn Sie negative Gedanken haben, wie „Ich schaffe das nicht“ oder „Mein Gott, sind denn alle um mich herum zu blöde, dieses Problem zu lösen“ dann erzeugen Sie ein dazu passendes unangenehmes Gefühl wie Ärger, Frust oder Ohnmacht und dieses Gefühl entzieht Ihnen ihre Energie. Ihre Emotionen verbinden sozusagen Körper und Geist.

Auf der körperlichen Ebene schütten Sie Stresshormone aus, ihre Herzfrequenz wird schneller und ihr Sympathikus – der beschleunigende Ast ihres autonomen Nervensystems – treibt sie an. Mit den entsprechenden Konsequenzen auf ihre mentale Kapazität, die dadurch stark eingeschränkt ist. Dann reagieren sie entsprechend „kopflos“ auf die Situation.

Das findet bei den meisten Menschen komplett im Unbewussten statt, so dass sie keine Gelegenheit haben, einzugreifen oder eine passendere Handlung zu wählen. Der innere Trigger ist gesetzt und ihr automatisches Programm läuft ab. Deshalb haben so viele das Gefühl, nichts dagegen tun zu können. Oder sie bemerken erst am Ende eines Tages, wie sie sich fühlen.

 

Zeitdruck und hohe Leistungsansprüche triggern viele von uns an.

Das Bewusstsein über ihre inneren Trigger, ist der Ausgangspunkt für ein neues, stärkendes Verhalten. Deshalb ist es so ungemein wichtig, dass wir uns zu Beginn des Trainings oder eines Coachings mit diesen Mustern beschäftigen und herausfinden, welche dieser Muster in ihrem Unbewussten ihr Unwesen treiben.

Die folgenden zwei Muster finde ich häufig bei meinen Kunden:

Sie geraten unter Zeit- und Termindruck und anstatt mal zu Ruhe zu kommen und sich zu fokussieren haben sie das Gefühl immer mehr tun zu müssen, um aus dem Dilemma herauszukommen. Selbst wenn sie sich das bewusst vornehmen und sich Zeiten für ruhiges Arbeiten in ihren Kalender eintragen, werden sie oft von ihren inneren Programmen wieder übersteuert. „Was soll das schon bringen? Eigentlich hätte ich jetzt gerade so viel Dringendes/Wichtiges mit XY zu besprechen“. Weil sie dann mit solchen Gedanken blockiert sind, können sie die eingeplante Zeit aufgrund der widersprüchlichen inneren Gefühle oft gar nicht produktiv nutzen oder sie lassen sie gleich ganz ausfallen.

Sie haben das latente Gefühl, nicht gut genug zu sein und die eigenen Ansprüche oder die anderer nicht erfüllen zu können. Deshalb sind sie ständig damit beschäftigt, sich zu überlegen was sie wie noch besser machen können, um ihren Erwartungen zu genügen. Sie strengen sich immer mehr an. Sie denken immer mehr nach. Sie zweifeln an sich selbst. Sie wissen, dass das nicht produktiv ist und deshalb verurteilen Sie sich in Folge dessen und verstärken so die Abwärtsspirale noch.

Ich muss Ihnen glaube ich nicht erklären, dass das keine gute Lösung ist, um aus dem Dilemma heraus zu kommen.

 

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Wie kommen wir jetzt aus diesem Dilemma heraus? Wie können wir diesen energiefressenden Verhaltensprogrammen auf die Spur kommen und sie unschädlich machen?

Dazu müssen wir unsere Aufmerksamkeit nach innen  –  auf unseren inneren Zustand richten und uns vor allem mit unseren Gefühlen beschäftigen. Denn diese triggern unser Unbewusstes an und sorgen dafür, dass unser bewusster Verstand immer auf der Strecke bleibt. Einfach weil er zu langsam ist. Das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun, sondern so funktioniert ihr Gehirn.

Seine Zeit mit solchen Dingen zu verbringen, das ist aber in den heutigen Unternehmen nicht sehr angesagt. Gefühle sind uns im rationalen, vernunftgesteuerten Business ja eh suspekt. Über solche, vermeintlich „esoterischen“ Themen spricht man nicht. Ich glaube viele haben unbewusst Angst, sich zu outen weil das mit mangelnder Stärke und Souveränität assoziiert wird. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

Wir kümmern uns tagtäglich um viele Dinge.und es ist uns schon klar, dass wir souveräner mit Veränderungen umgehen sollten. Wir sollen oder wollen agiler werden, besser mit Ungewissheit umgehen können, keine Schuldgefühle entwickeln, wenn wir Fehler machen, mehr Verantwortung übernehmen und und und. Sie merken schon, dass sind wieder alles Dinge, die wir eigentlich wissen – aber nur bedingt umsetzen.

Denn es funktioniert nicht, wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit vornehmlich im Außen – bei den Prozessen, den Zielen, den Methoden oder auch dem Teamwork sind. Es geht auch nicht, wenn wir die Lösung nur mental, mit dem Verstand, herbeiführen möchten.

Wir müssen verstehen, was uns im inneren antreibt und wie sich unser innerer Zustand, unser Mindset, auf all unsere Handlungen und unsere Kommunikation auswirkt. Erst dann kann jeder für sich die Verantwortung übernehmen und auswählen was in der jeweiligen Situation für ihn selbst, sein Team oder sein Unternehmen aufbauend und förderlich ist oder eben auch nicht.

Solange wir mit unserer Aufmerksamkeit immer bei den äußeren Dingen sind, beschäftigen wir uns vornehmlich mit den Auswirkungen unserer geistigen, inneren Prozesse. Und ja, auch eine Unternehmensstruktur ist nur eine Manifestation unserer Vorstellungen über ein funktionierendes Unternehmen. Wir glauben, dass es so funktioniert, manchmal sogar wider besseren Wissens.  So drehen wir uns im Kreis unserer eigenen, ewig gleichen, vermeintlich rational geprägten Wahrnehmung und bestätigen uns ständig selbst.

 

Wenn wir lernen, unsere Gefühle zu regulieren, machen wir einen großen Schritt in Richtung Selbstbestimmung.

Wenn wir verstehen, wie unsere Gedanken und unsere Gefühle zusammenhängen, wie unsere innere Gedanken- und Gefühlswelt unsere Handlungen bestimmt und wir lernen, unsere Gefühle zu regulieren, dann machen wir einen großen Schritt in Richtung Selbstbestimmung.

Denn dann müssen wir unsere innere Stabilität nicht mehr in den bereits vorhandenen, vermeintlich sicheren Strukturen und Verhaltensweisen suchen. Dann wissen wir, wie Kreativität und der schöpferische Prozess wirklich funktionieren. Dann können wir uns für neue, ungewöhnliche Herausforderungen öffnen. Weil wir wissen, wie wir unser Selbstvertrauen stärken, so dass uns unsere Ängste nicht ständig blockieren und übersteuern.

In diese Richtung gehen auch die Gedanken von Trivago Chef, Schrömgens. Deshalb zitiere ich ihn hier noch einmal. Auf die Frage, was ein erster Schritt zu einer neuen Unternehmenskultur sein könnte sagt er:

 

„Auch wenn ich wieder esoterisch bin: Der digitale Wandel fängt nicht mit der Infrastruktur und der Datenarchitektur an oder den Beratern, die mir meine Unternehmensstruktur verändern. Wenn ich digitalen Wandel starten wollen würde, würde ich mit den Psychologen anfangen.“

 

Genau so sehe ich das auch. Es geht um ein neues Selbstbewusstsein, das von Selbstvertrauen, von mentaler und emotionaler Stabilität geprägt ist. Die wissenschaftlichen Zusammenhänge dazu sind längst bekannt und es gibt bereits viele sinnvolle Ansätze, die genau an diesem Punkt ansetzen.

Herzlichst

Martina Baehr

 

Bildquelle: Photo by rawpixel.com on Unsplash

Das Interview mit Trivago Chef Rolf Frömgens finden Sie hier:
http://www.wiwo.de/erfolg/management-der-zukunft/trivago-chef-schroemgens-wir-haben-uns-ganz-von-finanziellen-anreizen-geloest/20934054.html

Martina Baehr
Martina Baehr ist Projektmanagerin, Trainerin, Coach und Inhaberin von Projektmanagement plus. Sie unterstützt ihre Kunden bei der Entfaltung ihres persönlichen Erfolgs-Mindsets, um selbstbewusster und gelassener zu arbeiten und leichter mit Veränderungen umzugehen.