Lange Zeit habe ich mich gefragt, wonach im mich in meinem Arbeitsalltag wirklich sehne. Warum ich meinen Projektalltag – trotz aller motivierenden und spannenden Herausforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten – oft so unheimlich anstrengend finde. So anstrengend, dass mir  manchmal die Lust vergangen ist.

Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, Kunden, Kollegen, Mitarbeitern und Bekannten. Und dabei bin auf das Thema gestoßen, was mir wirklich am Herzen liegt: Es geht um unsere Selbstbestimmung im Berufsalltag.

Wir wünschen uns einen Arbeitsalltag, der zu unseren Bedürfnissen passt. Wir wünschen uns mit anderen gemeinsam an neuen, spannenden Projekten arbeiten. Wir möchten andere unterstützen und selbst Unterstützung und Wertschätzung erfahren. Kurz gesagt wir möchten so arbeiten, dass es uns gut geht, wir uns entfalten und unsere Fähigkeiten einbringen können.

Eigentlich nicht zu viel verlangt, oder?

Für viele von uns sieht der Arbeitsalltag allerdings ganz anders aus. Wenn ich mit Angestellten im Business darüber spreche höre ich oft die gleichen Sätze wie:

  • Die verkrusteten, hierarchischen Strukturen und die Egoismen einzelner lassen eine wertschätzende Zusammenarbeit auf Augenhöhe doch gar nicht zu.
  • Bürokratische Regeln und ständige Kontrollen halten mich von der eigentlichen Arbeit ab.
  • Ich kriege immer neue Anforderungen auf meinen Tisch, ohne dass die alten Themen mal abgeschlossen werden. Die Masse an Dingen frustriert mich einfach und ich weiß nicht wie ich das stoppen soll.

 

Wir haben das Potenzial, die bestehenden Strukturen zu verändern.

Da stellt sich mir die Frage: Was ist zuerst da, der Mensch oder die Struktur und sein Arbeitsumfeld? Darauf habe ich mittlerweile für mich eine ganz klare Antwort gefunden: Wir – also der Mensch kreiert die Strukturen in denen wir leben und arbeiten.

Leider entspricht die heutige Struktur – gerade auch im Business- nicht mehr unseren aktuellen Bedürfnissen. Also müssen wir das ändern, wenn wir mehr Selbstbestimmung leben wollen. Und wir haben auch das Potenzial dazu, denn schließlich haben wir (also die Menschen) die bestehenden Strukturen ja auch selbst geschaffen.

Wir müssen also verstehen, wie ein solcher Wandel wirklich funktioniert. Was können wir als Einzelne tun, um den anstehenden Wandel zu gestalten anstatt einfach nur zu reagieren?

Wir können jetzt alle abwarten, bis etwas Bahnbrechendes geschieht. Ich habe mich dafür entschieden, einfach herauszufinden was wirklich funktioniert. Dabei haben mir viele geholfen, die gerade auf demselben Weg sind wie ich.

Das Wichtigste, was ich dabei herausgefunden habe: Die Veränderung beginnt immer in uns selbst. In unseren Köpfen, unseren Gefühlen, unserer inneren Einstellung und unserem Verhalten. Ich habe mal ein paar Punkte zusammengetragen, die ich besonders hilfreich finde, um die eigene Gestaltungskraft zurückzuerobern.

 

Und das sind meine 5 goldenen Regeln für einen selbstbestimmten Berufsalltag.

 

 1 .      Finden Sie ihr WARUM?

Ja, die alten, oft verkrusteten Strukturen und unsere eingefahrenen Denk- und Verhaltensmuster kosten uns oft viel Kraft. Ja, unsere Gewohnheiten sind schwer zu verändern. Das ist so. Also müssen wir etwas suchen, was uns motiviert und bei der Stange hält.

Und das ist ihre Absicht. Warum sind Sie in der beruflichen Position gelandet, in der Sie sich gerade befinden? Sie möchten als Projektleiter neue Herausforderungen mit einem Team engagierter Menschen angehen? Sie möchten als Vertriebler Produkte verkaufen, die anderen wirklich nutzen? Sie möchten als Personalentwickler die Mitarbeiter bei der Entwicklung ihrer Fähigkeiten unterstützen?

Wenn Sie sich die Warum-Frage stellen, machen Sie sich bewusst, warum Sie dort sind wo Sie sich gerade befinden. Was wollen Sie in die Welt bringen? Wen wollen sie unterstützen? Was wollten Sie schon immer herausfinden?

Spüren Sie die Kraft, die ihrer Absicht innewohnt? Und es gibt so viele Möglichkeiten, wie Sie ihre Absicht Realität werden lassen können. Wahrscheinlich sind Sie schon dabei einiges davon umzusetzen.

Sicher gibt es auch diejenigen die lieber Schauspieler anstatt Steuerberater geworden wären. Diejenigen, wo Wunsch und Wirklichkeit sehr stark auseinander laufen. Ich bin mir aber sicher, dass bei den meisten von Ihnen das WARUM gar nicht so weit von ihrer jetzigen Aufgabe entfernt ist.

Das WARUM verschafft Ihnen erstmal Klarheit darüber, was Ihnen persönlich wichtig ist.

Mit ihrer Antwort zur WARUM-Frage erkennen Sie ihr Anliegen und kommen ihrer persönlichen Lebensaufgabe auf die Spur

 

 

2 .      Schaffen Sie sich Momente der Besinnung

Das ist ein Thema, was meiner Meinung nach die notwendigen Veränderungen im Business besonders blockiert. Denn unsere ununterbrochene Geschäftigkeit und Hetze hält uns sicher von den gewünschten Veränderungen ab und verhindert, dass wir uns über unsere wahren gestalterischen Kräfte bewusst werden.

Denn wie sollen die gewünschten Veränderungen – wie ein respektvoller, wertschätzender Umgang miteinander, ein neuer Umgang mit Fehlern oder einfach nur mehr Zeit für persönliche Themen oder die Familie – wie soll das Realität werden, wenn wir ständig die alten Arbeitsmuster praktizieren?

Momente der Besinnung schaffen heißt einfach mal inne halten und spüren wie es Ihnen gerade geht. Was tun Sie gerade? Wie fühlen Sie sich dabei? Sind Sie in positiver oder negativer Stimmung, zufrieden oder gefrustet? Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf?

Vielleicht halten Sie einfach mal alle zwei bis drei Stunden für 5 bis 10 Minuten inne und schreiben auf, was Sie tun und wie Sie sich gerade fühlen. Und reflektieren das dann am Ende der Arbeitswoche.

Über die Momente der Besinnung verschaffen Sie sich einen Überblick über ihren Tag. Sie erkennen welche Tätigkeiten Ihnen gut tun und welche nicht. Sie erkennen, welche Auswirkungen ihre innere Verfassung – Gefühle, Gedanken – auf Sie selbst und ihre Handlungen hat. Sie schaffen Raum für ein anderes, ein neues Bewusstsein.

Die Momente der Besinnung verschaffen Ihnen viele Erkenntnisse zu ihrer Selbstwirksamkeit.

 

3 .      Verstärken Sie die positiven Elemente in ihrem Berufsalltag

Seien Sie ehrlich, wie oft richten Sie ihre Aufmerksamkeit auf die Dinge, die nicht so gut laufen? Der Projekttermin, der nicht eingehalten werden konnte? Der Kollege, der einen kapitalen Fehler verursacht hat? Der Chef, der keine Ahnung hat, welche Probleme Sie haben aber trotzdem an seinen überhöhten Erwartungen festhält?

Stellen Sie sich vor, in ihrem Inneren befände sich ein Akku, der entweder auf- oder entladen wird. Die Fokussierung auf die Dinge, die nicht laufen oder das Feststecken in Grübelschleifen entleeren diesen Akku immer mehr. So dass Sie am Ende des Tages keine Kraft mehr haben, ihre eigentlichen Themen anzugehen. Die Dinge, die Ihnen wirklich wichtig sind.

Dazu gibt es eine relativ einfache Lösung: Sie verstärken einfach die positiven Elemente und laden so ihren Akku wieder auf. Es gibt eine sehr einfache Methode ihren positiven Elementen auf die Spur zu kommen, das sind ihre Gefühle. Achten Sie einfach mal darauf, welche Tätigkeiten, Erlebnisse und Begebenheiten ihres Arbeitsalltags ihnen Freude machen bzw. Sie in eine positive Stimmung versetzen.

Sind das inspirierende Gespräche mit ihren Kunden oder Teamkollegen, die ungestörte Arbeit am neuen Konzept oder vielleicht die Erledigung einer wichtigen Aufgabe? Wenn Sie die Liste der „Besinnungs-Momente“ erstellt haben, kennen Sie diese Begebenheiten ja schon.

Schreiben Sie doch am Tagesende einfach mal drei positive Erlebnisse des aktuellen Arbeitstages auf. Machen Sie sich das angenehme Gefühl der Zufriedenheit, der Freude oder der Begeisterung noch einmal bewusst und kosten Sie es so richtig aus. Laut den Erkenntnissen der Neuropsychologie müssen Sie das Gefühl für mindestens 30 Sekunden, besser noch 2 – 3 Minuten intensiv spüren um positive, körperliche Reaktionen im Gehirn und Hormonsystem zu erzielen.

Angenehme Gefühle laden ihren inneren Akku auf. Diese Energie brauchen Sie gerade auch bei schwierigen Herausforderungen wie der Veränderung unpassender Gewohnheiten.

 

 

4.       Verstärken Sie die Wertschätzung für sich selbst und ihre Arbeit

Der Unternehmensberater Dieter Winkler hat in einem sehr lesenswerten Interview
erläutert was der Unterschied zwischen Anerkennung und Lob und wirklicher Wertschätzung ist.
Ein Mangel an Wertschätzung im Umgang miteinander wird sehr häufig benannt – gerade auch im Business. Das war auch einer der Risikofaktoren, die wir in der GPM-Studie zur Burnoutgefährdung von Projektmanagern identifiziert haben.

Dieter Winkler sagt echte Wertschätzung hat keine Funktion und keinen Zweck. Sie ist besonders wichtig in schwierigen Situationen wenn wir Fehler machen oder etwas nicht so gut gelaufen ist. Sie ist nämlich immer da, egal ob wir gerade leistungsfähig sind oder nicht.

Echte Wertschätzung beginnt bei uns selbst: Wenn wir die Wirksamkeit der Wertschätzung für uns selbst erkennen und vor allem erleben, dann spüren wir diese Kraft und verstehen warum Wertschätzung im Umgang mit Teamkollegen, dem Chef, den Mitarbeitern, den Kunden und den Lieferanten so elementar wichtig ist.

Reflektieren Sie einmal darüber, was Sie an sich selbst wertschätzen und achten Sie auch auf Dinge, die Sie an sich schätzen, wenn etwas nicht so gut gelaufen ist. Schreiben Sie das am besten gleich auf.  Ihre Frustrationstoleranz, wenn etwas im Arbeitsteam so richtig in die Hose gegangen ist beispielsweise. Vielleicht haben Sie den Mut gefunden, ihrem Chef eine unangenehme Wahrheit mitzuteilen oder Sie haben einer Kollegin ausgeholfen obwohl Sie eigentlich selbst einen Berg von Arbeit auf ihrem Tisch hatten. Gerade auch für solche Dinge sollten Sie sich wertschätzen.

Auf diese Weise üben Sie Wertschätzung ein und können das Gefühl immer leichter abrufen, wenn Sie es brauchen.

Über die Kultivierung von Wertschätzung für sich selbst gewinnen Sie Mut und Selbstbewusstsein, um neue, vielleicht unpopuläre Dinge auszuprobieren und ihre Position vor Anderen zu vertreten.

 

5.       Gehen Sie kleine Schritte und werden Sie sich über deren Wirkung klar

In der Diskussion zu einem Vortrag, wo es um die Sammlung passender Maßnahmen für einen gesunden Projektalltag ging, kam auch das Thema Planung und To-Do-Listen zur Sprache. Die einen waren dafür, sich kleine Schritte aufzuschreiben und die Erledigung abzuhaken und sich so bewusst zu machen, was man schon geschafft hat und wie es gelaufen ist. Eine der Teilnehmerinnen fand das sinnlos, schließlich hätte doch nur die Erledigung der größeren Aufgabenpakete, der sogenannten Meilensteine eine Bedeutung für das Ganze und das letztendliche Ergebnis. Was meinen Sie dazu?

Ich glaube, dass wir eine Menge Erkenntnisse gewinnen, wenn wir kleinere Schritte machen und uns auch die Wirkungen bei der Durchführung dieser kleinen Schritte bewusst machen. Vielleicht hat gerade ein Gespräch mit einem Lieferanten Sie auf eine ganz neue Idee gebracht. Die am Ende den ganzen Projektverlauf positiv beeinflusst hat. Oder Sie haben ein neues Verhaltensmuster ausprobiert – im Gespräch mehr zuzuhören und das SmartPhone beiseite zu legen zum Beispiel – und das Gespräch hat so eine ganz andere Tiefe bekommen.

Ich meine, solche wichtigen Erkenntnisse gehen uns einfach verloren, wenn wir nur auf den großen Wurf und die Ergebnisse fixiert sind.

Über die Beachtung der kleinen Schritte und ihrer Wirkung verändern Sie ihre Einschätzung zum Erfolg.

 

 

Das ist jetzt ein längerer und auch persönlicher Artikel geworden. Und ich hoffe, ich habe Sie damit zum Nachdenken gebracht. Das würde mich jedenfalls freuen.

Denn dieses Thema treibt mich wirklich um. Wie schaffen wir es, den wirtschaftlichen Wandel zu gestalten? Hin zu einem selbstbestimmten und erfüllte Berufsalltag. Womit fangen wir an? Was brauchen wir zur Unterstützung? Was unterstützt uns, die Umsetzung der Veränderung  auch durchzuhalten?

Die Grundlage bildet  meiner Meinung nach ein anderes Mind Set, das wir auch wirklich verinnerlicht haben. Und nicht nur nach Aussen hin propagieren, obwohl in unserem Unterbewusstsein ganz andere, automatische Programme ablaufen. An dieser Stelle müssen wir ansetzen, wenn die Veränderung schneller und leichter gelingen soll.

 

Martina Baehr
Martina Baehr ist Projektmanagerin, Trainerin, Coach und Inhaberin von Projektmanagement plus. Sie unterstützt ihre Kunden bei der Entfaltung ihres persönlichen Erfolgs-Mindsets, um selbstbewusster und gelassener zu arbeiten und leichter mit Veränderungen umzugehen.