Wenn ich mir die Menschen im Business so anschaue, dann fällt mir eines auf: Die meisten von uns glauben, sie haben einfach keine Zeit, ihren Tag bewusst zu erleben und zu gestalten. Das ging mir persönlich auch eine lange Zeit so.

Deshalb möchte ich Ihnen zum Einstieg einfach ein paar Fragen stellen:

  • Haben Sie das Gefühl, dass Sie für die Durchführung ihrer Aufgaben ausreichend Zeit haben, um diese in der Qualität zu erledigen, die für Sie stimmig ist?
  • Haben Sie das Gefühl, dass Sie ausreichend Zeit haben, die Beziehungen zu ihren Mitarbeitern, Arbeitskollegen, Kunden oder Geschäftspartnern zu pflegen? Und nicht nur dann fieberhaft zu reagieren, wenn Ihnen einfällt, dass sie wichtige Dinge wieder mal vergessen haben?
  •  Haben Sie Zeit, ihre Arbeitsergebnisse ausreichend zu würdigen und sich angemessen über ihre Erfolge zu freuen?
  • Haben Sie ausreichend Zeit, die kleinen Freuden des Alltags – die Sonne, die Vögel, die Natur oder den Wechsel der Jahreszeiten – wahrzunehmen, oder hetzen Sie einfach nur noch von einem Termin/einer Aufgabe zur nächsten?

Seinen wir mal ganz ehrlich: Wie oft hetzen wir durch unsere Tage, glauben aber, dass das einfach ein „Normalzustand“ ist, den man nicht verändern kann? Wem die Arbeit etwas bedeutet, der hat eben wenig Zeit für andere Dinge. Man muss Prioritäten setzen, da müssen die Beziehungen schon mal hinten anstehen. Zeit zur Besinnung ist ein Luxus, den ich mir nicht erlauben kann. Glauben Sie das auch?

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle eine Geschichte erzählen. Und Sie so zum Nachdenken bringen, ob diese Sicht der Dinge wirklich der Realität entspricht.

 

Der „innere Dramakreislauf“ und seine Auswirkungen

Neulich war ich bei einer Freundin zu Besuch. Dort habe ich auch übernachtet. Abends wollten wir dann mit ihrer Familie zusammensitzen. Und einfach nur etwas essen und noch ein Glas Wein zusammen trinken.

Dann kam ihr Mann nachhause. Er war sehr abgespannt und müde und überhaupt nicht mehr in der Lage, den Abend mit uns zu verbringen. Geschweige denn, sich auf ein nettes Gespräch einzulassen. Also hat er sich zurückgezogen.

Am nächsten Morgen trafen wir uns dann in der Küche. Er hat sich dafür entschuldigt, dass er am Abend vorher einfach keine Kraft mehr hatte, an unserem Gespräch teilzunehmen. Und er sagte mir, dass er die ganze Nacht mehr oder weniger wachgelegen hätte und nicht einschlafen konnte. Und der folgende Satz ist mir besonders im Gedächtnis haften geblieben:

„Es war eigentlich eine gute Woche mit vielen schönen Momenten. Bis dann am  Freitag Situation XYZ passierte und die ganzen positiven Erlebnisse der Arbeitswoche auf einen Schlag hinweggefegt hat.“

 

Da habe ich gedacht: Wie vielen Leuten geht es genauso? Es passiert irgendetwas Unvorhergesehenes und sofort setzt innerlich der „Dramakreislauf“ ein? Ein Kreislauf aus Annahmen oder Interpretationen, Grübeleien und negativen Gedanken wie: Wie konnte das passieren? Oder wie konnte ich nur so blöd sein? Warum habe ich dieses oder jenes nicht eher gesehen? Warum tut er/sie mir das jetzt an?

Glauben Sie mir, ich kenne diesen Dramakreislauf aus meinem eigenen Leben, meiner Tätigkeit als Projektleiterin, nur zu gut. Warum erhalten einige Mitarbeiter jetzt eine Kündigung, wo wir sie doch gerade erst zu einer SAP Schulung eingeladen haben? Warum hat mich die Personalabteilung nicht darüber informiert? Warum muss sich meine Assistentin jetzt mit den wütenden Mitarbeitern herumschlagen? Weshalb torpediert der Bereichsleiter ABC die schon getroffene Projektentscheidung? Warum tut er mir/dem Projektteam das an?

Ja, das sind keine angenehmen Situationen. Aber sie passieren öfters. Und es wäre lebensfremd, darüber nachzudenken, wie wir solche Situationen vermeiden können, sie gehören einfach zu unserem Alltag. Ich kenne nur einen Weg selbstbestimmt und verantwortlich mit einer solchen Situation umzugehen: Herauszufinden, was genau dazu führt, dass ich mich so frustriert, so enttäuscht oder kraftlos fühle. Herausfinden, warum ich in einer solchen Situation so viel Energie verliere. Und dieses Energieleck dann zu schließen.

 

Unsere Gefühle sind der Messwert für unseren Energielevel.

Und jetzt möchte ich Ihnen eine für mich sehr wichtige Erkenntnis weitergeben: Es sind unsere Gefühle, die uns den Weg weisen. Unsere Gefühle, die wir im Business gerne abschalten würden. Weil wir ja vernünftig und in Ruhe unsere Arbeit erledigen wollen.

Unsere Gefühle sind aber wie ein Radar, der uns unsere innere Verfassung spiegelt. Wir alle haben ganz bestimmte Gefühls- und Verhaltensmuster, wie wir in stressigen oder angenehmen Situationen reagieren. Nur meist ist uns das einfach nicht bewusst. Weil es uns nicht bewusst ist, können wir dieses Wissen auch nicht nutzen, um die Situation zu verändern.

An dieser Stelle möchte ich Sie darauf hinweisen, dass es nicht darum geht, unsere unangenehmen Gefühle einfach „wegzudrücken“. Sie sind ja ein wichtiger Hinweis darauf, dass etwas für uns nicht stimmig ist. Wichtig ist, dass wir die Situation und unsere Gefühle einfach wahrnehmen, wie sie sind, ohne uns oder andere gleich zu verurteilen. Dann schaffen wir die Voraussetzungen dafür, eine vernünftige Lösung zu finden.

 

Belastende Situationen sind für uns wie Energielecks.

Wenn wir in einer belastenden Situation sind, wie der Ehemann meiner Freundin, verlieren wir immer mehr Energie, weil wir unser Energieleck gar nicht wahrnehmen und oft auch nicht wissen, wie wir es schließen können. Wir sabotieren uns selbst durch negative Gedanken und die dadurch ausgelösten Gefühle. Unser Körper reagiert mit Stresssymptomen wie einem erhöhten Puls, noch mehr negativen Gefühlen, einem Druck im Magen oder was auch immer.

Ein Teufelskreislauf setzt ein und unser innerer Akku entlädt sich immer mehr. Und deshalb haben wir das Gefühl, die positiven Dinge der ganzen vergangenen Woche wurden an einem Freitag Nachmittag förmlich ausgelöscht. Die auslösende Situation ist längst vorbei. Aber wir sind die folgenden Tage in Gedanken ständig mit dem gleichen, negativen Thema beschäftigt.

Anders herum ergeht es uns in angenehmen Situationen. Die nehmen wir leider sehr oft gar nicht mehr bewusst wahr. Dass die Kollegin uns einen guten Kaffee gekocht hat. Dass ich eine Aufgabe trotz vieler Schwierigkeiten erfolgreich abschließen konnte. Dass mich das Gespräch mit dem Kollegen zur Entwicklung des neuen Produktes sehr inspiriert hat. Dass die Assistentin der Geschäftsführung mir kurzfristig einen wichtigen Gesprächstermin ermöglicht hat und ich deshalb sehr erleichtert oder zufrieden bin.

 

Angenehme Gefühle laden unseren inneren Akku auf.

Wussten Sie, dass angenehme Gefühle, die Sie nicht bewusst über mehr als 30 Sekunden in ihrem Körper fühlen, gar nicht in ihrem emotionalen Gedächtnis abgespeichert werden? Das haben Neuropsychologen herausgefunden. Das ist sicher mit ein Grund, warum wir so oft das Gefühl haben, alles um uns herum wird immer stressiger, hektischer und belastender. Obwohl wir eigentlich in einem Land leben mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten und einem hohen Maß an existenzieller Sicherheit.

Wenn wir solche Zusammenhänge kennen und unser Bewusstsein dafür entwickeln, welche Situationen im beruflichen Alltag uns gut tun und uns Freude machen, können wir unseren inneren Akku ganz gezielt wieder aufladen, indem wir die mit der Situation verbundenen angenehmen Gefühle einfach für 2 bis 3 Minuten intensiv auskosten.

 

Mein FAZIT

Wenn Sie zukünftig achtsam mit ihren Energien umgehen möchten, dann sollten Sie dafür sorgen, dass ihr innerer Akku immer gut gefüllt ist. Das können Sie mit diesen 3 Schritten in Angriff nehmen:

 

  • Betrachten Sie ihren Arbeitsalltag genauer. Meine Empfehlung dazu lautet: Erstellen Sie ihre persönliche Energiebilanz und ermitteln Sie ihre Energielecks und ihre Energiequellen. So eine Energiebilanz können Sie beispielsweise über eine ganze Arbeitswoche führen. Nehmen Sie ein Blatt und teilen es in zwei Seiten auf. Auf der linken Seite erfassen Sie dann ihre Energielecks: Situationen, die mit unangenehmen Gefühlen wie Ärger, Frustration, Angst oder Hilflosigkeit verbunden sind. Auf der rechten Seite erfassen Sie ihre Energiequellen: Situationen die mit angenehmen Gefühlen wie Freude, Zufriedenheit oder auch Dankbarkeit verbunden sind. Am besten erfassen Sie diese Situationen und die dazugehörigen Gefühle gleich während ihres Arbeitstages, in dem Sie alle 2 bis 3 Stunden inne halten und die Bilanz gleich befüllen.
  • Schauen Sie sich ihre Wochenbilanz an und achten Sie insbesondere auf immer wiederkehrende Muster. Was macht Ihnen besonders viel Freude? Bei welchen Tätigkeiten gewinnen Sie viel Energie? Was belastet Sie besonders? Wie können Sie solche Belastungen ausgleichen oder das Energieleck sogar schließen?
  • Nutzen Sie die Energiequellen auf der rechten Seite ihrer Energiebilanz. In dem Sie sich solche Situationen im Verlauf des Tages immer wieder bewusst machen und die damit verbundenen angenehmen Gefühle für 2 bis 3 Minuten auskosten.

Auf diese Weise gewinnen Sie ihre Handlungsfähigkeit zurück, weil Sie sich über die Wirkungen ihrer Gefühle und ihrer Gedanken auf ihr Energielevel bewusst werden. So können Sie zukünftig gezielt eingreifen oder sogar vorbeugen wenn wieder solche vermeintlich „unvorhergesehenen“, unangenehmen Situationen auftauchen. Denn diese kosten Sie sonst auf einen Schlag eine ganze Menge Energie, wie in meinem Beispiel beschrieben. Vielleicht sind es auch nur kleine Ereignisse, die sich über den Tag verteilt aber trotzdem aufsummieren, so dass ihr innerer Akku am Tagesende fast leer ist.

Ihre Energiebilanz hilft Ihnen herauszufinden, wo Sie gezielt ansetzten können, um den täglichen Energieverlust zu stoppen oder ihre Energiequellen zukünftig verstärkt zu nutzen.

 

Martina Baehr
Martina Baehr ist Projektmanagerin, Trainerin, Coach und Inhaberin von Projektmanagement plus. Sie unterstützt ihre Kunden bei der Entfaltung ihres persönlichen Erfolgs-Mindsets, um selbstbewusster und gelassener zu arbeiten und leichter mit Veränderungen umzugehen.