Vor kurzer Zeit ist mir das Buch des kleinen Prinzen von Antoine Saint Exupery wieder in die Hände gefallen. Auf seiner Reise zu den verschiedenen Planeten besuchte der kleine Prinz den Laternenanzünder. Als er ihn freundlich grüsste, löschte der Laternenanzünder gerade das Licht. « Warum löscht du das Licht, wo wir uns gerade begrüsst haben ? » fragte der kleine Prinz. « Das ist die Anweisung », erwiderte dieser. Da der kleine Prinz nicht recht verstand, erklärte er ihm : « Ich habe eine anstrengende Arbeit. Früher war noch alles normal – ich löschte das Licht am Morgen und zündete es am Abend wieder an. Ich hatte den Rest des Tages Zeit, mich auszuruhen und nachts zu schlafen. «  « Und, seit dieser Zeit hat sich die Anweisung geändert ? » wollte der kleine Prinz neugierig wissen. « Nein, die Anweisung hat sich nicht geändert, das ist ja mein Drama ! Es ist mein Planet, der sich jedes Jahr schneller dreht, aber an der Anweisung hat sich nicht geändert. So muss ich heute einmal pro Minute meine Laterne an-und ausschalten. »

Bei dieser Passage musste ich schmunzeln und dachte unweigerlich an unsere heutige, moderne Arbeitswelt. Haben wir nicht auch das Gefühl, dass sich unsere Welt immer schneller dreht und wir keine Zeit mehr haben, eine Pause zu machen, geschweige denn, uns noch richtig wahrzunehmen ?

Der Mensch setzt sich seine eigenen Grenzen

Natürlich können und wollen wir die Zeit nicht zurückdrehen, wir können uns ja heute gar nicht mehr vorstellen,nur noch mit Fax und Festnetztelefon zu arbeiten. Wahrscheinlich würden wir solche technischen Oldtimer wohl noch als « Zeitfresser » bezeichnen. Heute sind wir doch schon viel « entwickelter », sprich moderner : überall und jederzeit über Smarphone, Ipad und Computer erreichbar –nicht nur telefonisch, sondern auch per Email. Wir reagieren schnell und problemorientiert, « troubleshooting » geht dann auch schon mal im Stau zwischen Stuttgart und Mannheim. Dies überträgt sich oft schon auch auf den privaten Bereich – mein Mann beispielsweise beschwert sich, dass ich « nie » erreichbar bin, weil ich mein Telefon auf lautlos stelle und nicht jede halbe Stunde konsultiere.

In welcher Zeit leben wir eigentlich, werden sich manche fragen ? Alles dreht sich schneller und schneller und wir haben eine innere Sehnsucht nach « Entschleunigung ». Wie lange kann das also noch so weitergehen ?

Nun, banal ausgedrückt, noch lange. Wir setzen uns ja oft unsere eigenen Grenzen selbst. Wie der Laternenanzünder des kleinen Prinzen sind wir gefangen in unseren « Anweisungen », die nicht unbedingt immer nur vom Unternehmen stammen müssen.

Woher kommt nun das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben ?

Es macht uns Spass, mit internationalen Teams zu kommunizieren, herausfordernte Projekte zu gestalten und neuen Herausforderungen zu begegnen. Unser Gehirn braucht auch diese Stimulanz, es ist Teil unsere Selbstentfaltung und Bewusstseinsentwicklung, Neues zu lernen.

Gerade wenn wir Neues ausprobieren, auch mal aus unserer Konfortzone treten, dann fühlen wir uns gut, bestätigt, innerlich bereichert.

Es ist also sicher nicht dem « Stress » anzukreiden, dass wir in unseren beruflichen Aktivitäten manchmal eine innere Leere, eine Sinnlosigkeit empfinden. Die Diskussion um das « Stressmanagement » ist m.E. deshalb viel zu kurz gegriffen und geht in die falsche Richtung. Schon unsere Eltern hatten in der Nachkriegsgeneration viel « Stress » und Arbeit zu leisten und waren deshalb nur selten in einem Zustand, den wir heute etwas hilflos « Burn-out » nennen. Es muss etwas Anderes sein, was in uns den Wunsch weckt, aus den bestehenden Strukturen auszubrechen und mehr Sinnhaftigkeit in unserer Arbeit zu erleben.

Für mich haben diese Tendenzen mit einer allgemeinen Bewusstseinsveränderung zu tun, die bei vielen Menschen schon präsent ist und immer mehr an die Oberfläche drängt. Dazu haben sicher auch die sozialen Medien und Internet beigetragen – Wissen, Informationen sind heute nicht mehr nur noch einer priviligierten Ebene vorbehalten. Wir haben immer mehr dieses innere Bewusstsein, dass bestimmte Organisationsstrukturen, Arbeitsabläufe- und beziehungen an ihre Grenzen stossen.

Auch wenn uns hier noch eine kollektive Vision fehlt, in welche neue Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln könnte, ist hier mein Vorschlag an Sie: starten Sie bei sich selbst ! Deshalb müssen wir nicht gleich den Job kündigen oder 1 Monat Urlaub nehmen. Nehmen Sie sich einfach Zeit, etwas mehr zu sich selbst zu finden.

Das können ganz einfache Dinge sein, die Sie in Ihren Tagesablauf integrieren. Denn je mehr Sie wieder bei sich selbst ankommen, desto mehr können Sie Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, wieder Sinnhaftigkeit in Dingen erkennen, die ganz aus ihrem Fokus geraten sind und dadurch wieder mehr Freude an der Arbeit entwickeln.

Lassen Sie sich vom kleinen Prinzen inspirieren

Was hat denn der kleine Prinz dem Laternenanzünder eigentlich geraten ? Er schlug ihm vor, ganz langsam zu laufen, um damit immer auf der Sonnenseite seines Planeten zu bleiben.

Der Fokus liegt also auf « langsam » – der Entschleunigung. Der Laternenanzünder fand diesen Ratschlag allerdings wenig erbaulich – er wollte diese Option noch nicht einmal ausprobieren. So geht es vielen von uns, die in ihrer täglichen Hektik feststecken : sie glauben doch oft, keine Wahl zu haben.

Meine eigenen Erfahrungen und die mit Klienten haben mir aber immer wieder gezeigt : wir haben die Wahl. Sie können sich heute noch entscheiden, ob Sie in Ihrem Leben etwas verändern wollen oder nicht. Hier sind noch einmal ein paar gute Gründe für Sie, die Ihnen zeigen, dass die Idee der « Entschleunigung » kein Luxus für Sie ist :

  1. Pausen machen ist Geld wert

Genau in Momenten, wo Sie sich sagen, sie haben jetzt keine Zeit, benötigen Sie eine Pause am Nötigsten. Sie « funktionieren » vielleicht gerade auf Hochtouren, aber merken gar nicht dass Ihre Leistungsfähigkeit abnimmt : Sie übersehen wichtige Details, sind nicht mehr so gut konzentriert, machen Fehler.

Ein Klient erzählt mir einmal, dass er bei einem wichtigen Grossauftrag eine Vertragsklausel quasi « überlesen » hatte. Dieser Fehler habe ihm dann mehrere zehntausende von Euro gekostet, da es schwer war mit dem Kunden die Vertragsbedingungen neu zu verhandeln. Er sagte mir, dass er in der Zeit der Vertragsverhandungen sehr angespannt war und zu einer schnellen Entscheidung kommen wollte. Kam er dann auch – nur, dass es dann eine Fehlentscheidung war.

  1. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen

Gerade in Momenten, wenn es um Sie herum nur so « wuselt » – der Mitarbeiter, der Ihre Unterstützung benötigt, das Telefon, das klingelt, während Sie die Präsentation für das Kick-off Meeting arbeiten – gerade dann sollten Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit nach innen gehen. Wie das geht ?

Nun, Sie gönnen sich erst mal 5 Minuten Zeit. Vielleicht schliessen Sie die Bürotüre oder isolieren sich, schalten Handy und Telefon ab. Dann schliessen Sie die Augen und nehmen Ihre Gedanken wahr. Was geht Ihnen gerade durch den Kopf ? Und insbesondere : was löst das bei Ihnen für ein Gefühl aus ? Vielleicht denken Sie gerade, dass Sie bei Ihrer Präsentation noch nicht alles Wichtige beachtet haben und fühlen sich unsicher. Schreiben Sie erst mal nur einen Gedanken und Gefühl auf – und versuchen, sich aus einer Beobachterperspektive zu betrachten.

  1. Beruhigen Sie Ihr Nervensystem

Wenn Sie sich im Stressmodus befinden, ist Ihr Nervensystem völlig überdreht. Sie sind dann im Kampf- oder Fluchtmodus. Dadurch, dass Sie sich unbewusst sehr oft in diesem Modus befinden, haben Sie keine richtige Wahrnehmung mehr für sich, Ihre Gedanken und Gefühle.

Eine sehr einfache Methode, um das zu tun, ist eine Atem-Übung, die wir Neutral-Übung® nennen. Es klingt einfach, ist aber sehr wirksam :

  • Sie gehen mit Ihrer Aufmerksamkeit zur Region Ihres Herzens
  • Sie stellen sich vor, wie Sie über Ihre Herzregion langsam ein- und ausatmen

Das machen Sie dann 3 Minuten und ich kann Ihnen garantieren, dass Sie dann Ihre Aufmerksamkeit nach innen richten ! Wenn die Gedanken zur Präsentation wieder auftauchen, schicken Sie sie zur Tür hinaus und sagen, dass sie ja gene später wieder kommen können J.

Sylvie Bueb
Sylvie Bueb ist Personalexpertin und Trainerin und betreibt mit Martina Baehr „Die Gelassenheitsformel“ ein 6-Schritte-Programm zu mehr Erfolg und Souveränität im Berufsalltag.