Bewusstseinsprozesse haben nicht immer mit neuen Erfahrungen zu tun. Bewusstsein verändert und erweitert sich auch und vor allem, wenn man sich die richtigen Fragen stellt. Dabei ist  es nicht immer ratsam, sein Ego, das uns ja oft daran hindert, aus der Konfortzone zu treten, dabei auszugrenzen. Denn unser Ego hat ja auch eine wichtige Funktion: es will uns schützen, vor Fehlern bewahren und für unsere Sicherheit sorgen. Aber: die Expertise unseres Egos ist eben nicht inneres Wohlbefinden und Glück, wonach wir uns doch alle so sehnen.

Wie also vorgehen, um unseren Monkey Mind zur Ruhe zu bringen? Mein Tipp:  Unser Ego bei immer wiederkehrenden Fragestellungen mit ins Boot zu holen und nicht gegen es zu arbeiten.

Die kleinen Widrigkeiten des Alltags

Nehmen wir mal eine ganz konkrete, alltägliche Situation: der Drängler auf der Autobahn. Sie fahren gerade auf die Überholspur, als Sie ihn im Rückwärtsspiegel bereits angebraust sehen: Vollgas auf Sie zurasend, Blinker bereits nervös flackernd und dem nicht genug: sogar die Lichthupe wird noch bedient. Nach dem Motto: jetzt komm‘ ich – mach dich mal ganz schnell hier aus dem Staub!

Na, sind Sie schon in mein kleines Szenario eingetaucht? Vielleicht spüren Sie schon das dumpfe Bauchgefühl, das Herzklopfen, das Blut, das in den Kopf schießt, wenn Sie nur daran denken? Und Sie mitfühlend denken: „Ja, solche Idioten kenne ich leider auch, ein Unding! Wie kann er sich das nur erlauben!“

Soweit, so gut. Solche Situationen kennen wir zu Hauf. Das Ego darf sich hier erst mal gerne in der Wut und dem Ärger baden, das tut einen Moment lang ganz gut.  Nur:  was macht es mit uns? Fühlen wir uns dadurch besser, ruhiger und ausgeglichener? Oder begleitet uns dieses Gefühl des Ärgers noch eine ganze Zeit lang im Arbeitsalltag und lässt uns ungeduldiger, aggressiver und unleidlicher mit den Menschen in unserem Umfeld umgehen?

Der Test mit dem Immunsystem

Wenn Sie das noch nicht wirklich überzeugt, dann kann ich in dem Zusammenhang eine interessante Studie des Heart Math Instituts berichten: Man wollte wissen, wie die Immunglobule, also die Antikörper, die unser Immunsystem am Funktionieren halten, sich unter den Einfluss von Gefühlen verändern.

Man konstituierte also 2 Versuchsgruppen: vor dem Versuch wurden jedem Teilnehmer Blut abgenommen und man maß den IgA-Wert – das ist eines unserer Immunglobule. 32 mg/dl ist ein Durchschnittswert bei einer Person, die sich guter Gesundheit erfreut. Dies war mit wenigen Variationen der Ausgangswert aller Teilnehmer.

Dann wurde es spannend: einer Gruppe wurde ein wohlwollendes Feedback auf einer vorab auszuführenden Arbeit entgegengebracht. Dies dauerte nur 5 Minuten. In der anderen Gruppe, mit der genau gleichen zeitlichen Bemessung, wurde negatives, unbegründetes Feedback gegeben, das die Testpersonen richtig in Wut bringen sollte und es auch tat. Wie gesagt: das Experiment dauerte nur 5 Minuten.

Dann wollte man wissen, wie sich die Immunglobuline verhielten. Nahmen sie zu oder ab? Wie lange dauerte es, bis der Durchschnittswert wieder erreicht war?

Das wahrscheinlich nicht überraschende Ergebnis in der Testgruppe der Wertschätzung: die Werte stiegen erst stark, um sich dann ca. 20% über dem Durchschnittswert einzupendeln. Dieser positive Effekt hielt dann mehrere Stunden an. Positive Emotionen boosten also unser Immunsystem.

Bei der Gruppe, die Wut ausgesetzt war, zeigte sich folgendes Phänomen: erst stiegen die Werte wie bei der anderen Gruppe. Aber kurze Zeit danach fielen sie rapide ab – nach 10 Minuten lagen sie bei etwas über 10 mg/dl. Hier liegt der Beweis begründet, warum wir bei Dauerstress jeden Schnupfen vom Kollegen auffangen. Unser Immunsystem reduziert seine Funktion beträchtlich. Was aber wirklich interessant war, war die verstrichene Zeit, bis der Wert im Blut wieder auf dem normalen Durchschnittsniveau lag. Was meinen Sie? 30 Minuten? 1 Stunde?

Halten Sie sich fest: es dauert ganze 6 Stunden, bis ihr Immunsystem wieder normal arbeitet – bei nur 5 Minuten „gelebte“ Wut.

Bringen Sie Ihren Monkey Mind, nicht die Kuh, vom Eis

Jetzt sollte Ihnen eigentlich etwas daran liegen, an dieser Situation etwas zu ändern.

Es geht bei meinem heutigen Beitrag um 4 einfache Fragen, die Byron Katie mit dem Titel „The Work“ begründet hat, um fast jeden inneren Konflikt zu entschärfen. Und wie Sie sehen werden, wird das Ego hier mit ins Boot geholt. Byron Katie hat mit ihrer wirkungsvollen Fragetechnik schon viele Bücher geschrieben und Workshops veranstaltet. Ohne weiter in die Details einzusteigen, möchte ich Ihnen hier nur das Tool, die Handlungsanweisung vorstellen, die sie sofort nutzen können. Wenn Sie sich für das Thema näher interessieren, können Sie in folgendem Buch nähere Informationen nachlesen: Moritz Boerner: Byron Katies „The Work“.

Nehmen wir wieder das einfache Beispiel des Dränglers auf der Autobahn.

Frage 1: Ist es wahr, dass er (der Drängler) das nicht tun sollte?

Die Antwort könnte so lauten: Nun, es ist wahr, denn das ist ein egoistisches, selbstverliebtes Verhalten. Außerdem setzt er andere Personen der Gefahr eines Unfalls aus. Man muss sich schließlich an Regeln halten und so aufzufahren verletzt die Regeln, auf die sich umsichtige Fahrer auf der Autobahn nun einmal geeinigt haben. Außerdem wird das ja auch vom Staat als Rechtswidrigkeit geahndet – wenn das jeder machen würde!

(Hier darf sich das Ego erst mal richtig auslassen – das tut erst mal gut, oder?!)

 

Frage  2: Kann ich wirklich wissen, dass wahr ist, dass er das nicht tun sollte?

Hm…nun, das kann ich das eigentlich nicht wirklich wissen. Vielleicht hat er ja einen Grund so schnell zu fahren? Hat er einen Notfall, beispielsweise eine schwangere Frau kurz vor der Entbindung in seinem Auto? Oder er ist krank und ist gedanklich gar nicht auf der Straße, sondern will nur schnell an die nächste Haltemöglichkeit? Ich kann mir nicht hundertprozentig sicher sein.

Frage 3: Wie reagiere ich, wenn ich denke, dass er das nicht tun sollte?

Nun, ich fühle mich unter Stress. Ich bekomme Herzklopfen, fange an zu schwitzen, habe ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube. Ich spüre, wie ich den anderen im Auto dort irgendwie verachte. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Die schöne Musik im Auto höre ich nicht mehr, auch sehe ich die Landschaft um mich herum nicht. Ich kann mich gar nicht mehr konzentrieren. Am liebsten würde ich dem Drängler eine Lektion erteilen und unvorhergesehen bremsen. Aber dann begebe ich mich selbst in Gefahr – also lasse ich es lieber.

Frage 4: Wer wäre ich, wenn ich den Glaubenssatz „Niemand soll mich bedrängen!“ fallen lassen würde? Wie ginge es mir dann?

Oh, das fühlt sich gut an. Da wäre ich sicher gelassen, ruhig, würde nach rechts fahren und den Mann vorbei lassen. Ich würde meinen Körper nicht in Alarmbereitschaft versetzen und mein ganzes Immunsystem durcheinanderbringen. Ich würde mich körperlich einfach wohler fühlen. Ja, gibt es denn irgendeinen wirklich guten Grund an meiner Überzeugung festzuhalten?

Spüren Sie schon, wie es wirkt? Können Sie sich dann vorstellen, wie sie ganz gelassen nach rechts fahren und den Drängler vorbeilassen? Sie atmen tief ein und aus und während der Drängler Ihnen noch den Vogel zeigt, lehnen Sie sich lächelnd im Auto zurück. Ihr Herzschlag wird ruhig. Sie denken sich: „Der arme Mensch wird diese Aufregung noch eine ganze Weile mit sich rumschleppen und sich dadurch selbst schaden. Ich wähle einen anderen Weg. Ich lasse solche Gefühle nicht an mich ran.“

Zu guter Letzt, um diese neue Erkenntnis noch zu vertiefen, kommt die Umkehrung:

„Ich sollte niemanden bedrängen!“

Ja, so ist es. Das sind meine Werte und ich bin stolz darauf. So lebe ich und der Drängler hat mich daran erinnert. Ich danke ihm innerlich.

Haben Sie gesehen, was diese 4 einfachen Fragen mit uns machen können? Was hierbei so genial wie einfach ist, ist die Tatsache, dass man jeweils nur kleine Schritte zu machen braucht. Und wir bringen bei dieser Übung Herz und Verstand zusammen.

Ich wünsche Ihnen ganz viel Erfolg bei dieser Übung, probieren Sie sie einfach mal aus und vielleicht bekommen Sie ja dann Lust auf „mehr“. So können wir an Problemen in unserem Leben wachsen und mehr innere Gelassenheit entwickeln.

Auf Ihre Rückmeldungen und Kommentare freue ich mich auch!

Sylvie Bueb
Sylvie Bueb ist Personalexpertin und Trainerin und betreibt mit Martina Baehr „Die Gelassenheitsformel“ ein 6-Schritte-Programm zu mehr Erfolg und Souveränität im Berufsalltag.