Der Lebenslauf des Chefbuchhalters lag vor mir, als ich zum Telefonhörer griff. Meine Aufgabe als Personalberaterin war es, Referenzen über Kandidaten einzuholen, die wir als fähige Kandidaten für unseren Auftraggeber einstuften. Der Abteilungsleiter am anderen Ende der Leitung gab sich etwas bedeckt. Ja, ein guter Mitarbeiter. Warum er die Firma verlassen hatte? Nun, er war auf der Suche nach mehr Verantwortung, einem größeren Entscheidungsspielraum. Nochmals der Blick auf den Lebenslauf. Ein perfektes Profil, Erfahrung beim Steuerberater und auch im Unternehmensumfeld. Gute Sprachkenntnisse. Im Vorstellungsgespräch gibt er sich offen und redegewandt.

 

Mein Kunde macht mir Druck. Sie würden dringend einen Mitarbeiter benötigen, die derzeitige Abteilung sei völlig überlastet. Und vor mir, auf dem Schreibtisch, der Lebenslauf des potentiell neuen Mitarbeiters. Der Kunde hatte ihn auch für gut befunden. Wo war also das Problem?

 

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Bewerber mir nicht die ganze Wahrheit sagte. Irgendetwas sagte mir innerlich, dass es nicht der richtige Kandidat für meinen Kunden ist. Aber faktisch und analytisch gesehen gab es keinen Grund, ihn abzulehnen. Außerdem müsste ich dann mit der Suche nochmals von vorne anfangen, da kein anderer Kandidat in Sicht war, der nur annähernd so gut gepasst hätte.

 

Wie ging es weiter? Nun, der Kandidat wurde eingestellt. 6 Monate später erfuhr ich, dass er Lieferantenrechnungen blockierte und Budgetzahlen vorlegte, die auf völlig falschen Kalkulationen basierten. Irgendwie hatte es bis dahin keiner bemerkt. Er wurde daraufhin zwar umgehend entlassen, aber das Unternehmen befand sich in einer äußerst schwierigen Situation. Meine damalige Entscheidung war also eine klassische Fehlentscheidung.

 

Wie treffen wir Entscheidungen und was ist eine „gute“ Entscheidung?

 

Jeden Tag in unserem Arbeitsalltag treffen wir Entscheidungen. Entscheidungen, die keine allzu großen Auswirkungen haben, aber auch jene, die  von weitreichender Bedeutung sind. So wie in dem oben genannten Beispiel. Entscheidungen können dann auch Fehlentscheidungen sein. Dies wollen wir natürlich unbedingt vermeiden. Denn wer möchte seinem Kunden, Lieferanten oder Vorgesetzen gerne eine Fehleinschätzung eingestehen? Natürlich sind Irrtümer auch menschlich, aber wir haben dennoch den Anspruch an uns selbst, professionell und kompetent zu arbeiten.

 

Kennen wir nicht alle dieses diffuse Gefühl – auch oft als „Bauchgefühl“ beschrieben? Und oft sagt uns unsere Intuition etwas anderes, spricht eine andere Sprache als unser Gehirn. Oft schieben wir diese „Intuition“ aber dann wieder schnell beiseite, denn man kann es sich ja rational nicht erklären.

 

Vor kurzem hatte mir jemand eines der vielen Zitate von Albert Einstein wieder ins Gedächtnis gerufen, das, wie ich meine, in diesem Zusammenhang perfekt passt:

 

„Die Intuition ist ein göttliches Geschenk, der denkende Verstand ein treuer Diener.“

 

Über den Satz lohnt es sich, nachzudenken. Ist es nicht so, dass wir eine Gesellschaft geschaffen haben, die den Diener verehrt und unsere innere Gabe vergisst? Wie oft schieben wir unsere innere Stimme zur Seite, weil wir keine rationale Erklärung für eine Einschätzung einer Situation haben?

Die Stimme unserer Intuition kommt oft auf leisen Sohlen daher, benötigt in unseren täglichen Aktivitäten aber unbedingt mehr Gehör. Denn wir ihr trauen, UNS trauen, können wir blitzschelle, akkurate Entscheidungen treffen.

 

Bauchgefühl ist nicht gleich Intuition

 

Aber Achtung: nicht jede „Intuition“ führt uns zur richtigen Entscheidung. Denn ein Bauchgefühl kann auch auf alten Ängsten, Blockaden und Glaubenssätzen beruhen. Und dann verfallen wir unbewusst in die Situationen zurück, die wir schon kennen. Das ist dann keine Intuition, sondern ein instinktives Gefühl, ein Gefühl, das in unserem Körpersystem auf gelebten Erfahrungen beruht und auf bereits bestehende neuronale Netzwerke zugreift.

 

Unser Bauchgehirn bildet also Informationen im Körper ab, die sich auf bereits Erlebtes beziehen, Emotionen, die in Verbindung mit neuronalen Verbindungen bestehen, die im Gehirn sich schon einen gewissen Pfad, ein Muster gebildet haben. Das muss ja nicht schlecht sein. In Gefahrensituationen lohnt es sich sicher, gleiche Rituale abzuspulen, wie beispielsweise das Lenkrad unseres Autos umzureißen, wenn jemand ein riskantes Überholmanöver startet.

 

Wir wollen aber doch stimmige Lösungen, gute Entscheidungen, kreative Einfälle. Wie können wir das also unterscheiden? Lassen Sie mich hier einen Ausflug in die 90iger Jahre machen, die uns hierzu Antworten liefern kann.

 

Wieviele Gehirne hat der Mensch?

 

Nun – was meinen Sie? „The Boss“, unser denkendes Gehirn, kennt jeder. Vielleicht wissen Sie noch, dass es eine rechte und linke Gehirnhälfte gibt, aber das zählt weiter als ein Gehirn J.

 

Manche von Ihnen haben aus der chinesischen Medizin vom „Bauchgehirn“ gehört. Stimmt. Da sind wir bei der Nummer 2. Ungefähr Mitte der 90iger Jahre kamen einige Wissenschaftler auf die Idee, sich das Herz näher anzusehen, mit Mikroskop und Skalpell, und siehe da: sie stießen auf Nervenzellen. Nicht sehr viele, in Bezug auf unser Kopfgehirn, aber immerhin 40.000.

 

Der heutige Stand der Wissenschaft ist also: wir haben 3 Gehirne, die völlig eigenständig voneinander funktionieren. Warum man das erst seit Mitte der 90iger Jahre weiß? Nun, vorher hatte keiner sich die Mühe gemacht, die Frage zu stellen und auf physiologischer Ebene mal nachzuprüfen!

 

Das Bauchgehirn warnt uns vor bekannten Situationen

 

Zurück zur Entscheidungsfindung. Wie kann man also gute Entscheidungen treffen?

 

Es gibt viele Situationen, die vorher noch nie erlebt haben und dennoch Entscheidungen treffen müssen. Hier kommt unser Herzgehirn ins Spiel. Es scheint einen Zugang zu einer anderen Wahrnehmungsebene zu haben, die sich außerhalb unseres Körpersystems befindet. Das haben beispielsweise die Forscher des HeartMath Instituts in verschiedensten Studien nachgewiesen.

 

Unser Herz lenkt uns hin zu Gedanken, Einfällen, die uns scheinbar „zufallen“. Viele genialen Erfinder sprechen von solchen Momenten, die sie nicht kalkuliert haben und etwas Magisches in sich trugen. Solche Momente vergisst man meist nie. Wir bezeichnen das meist als „Zufall“, die Idee fällt uns zu, woher auch immer.

 

Jeder kann sein inneres Potential systematisch nutzen

 

Wir brauchen aber nicht nur abzuwarten, bis das passiert, sondern können unser inner wohnendes Potential, das jeder besitzt, ganz systematisch nutzen. Deshalb müssen wir nicht unser logisches Denken zur Seite schieben, sondern es nur einmal für einen Moment zur Tür hinausschicken.

 

Wenn ich mit Kandidaten die intuitive Problemlösung angehe, dann bitte ich sie, sich erst einmal in eine angenehme, emotionale Stimmung zu versetzen. Das geht innerhalb von wenigen Minuten und man kann das mit Hilfe eines Feedbacksystems an der Herzvariabilität messen. Und dann wird innerlich die Frage gestellt, was denn nun eine adäquate Haltung, Lösung der Situation sein könnte. In dem Moment nutzen wir die Intelligenz unseres Herzens. Es ist immer ein besonderer Moment, wenn mich dann der Klient mit großen Augen ansieht und mir gesteht „da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen. Aber es fühlt sich richtig und stimmig an.“ Und genau so können wir das dann in unserem Berufsalltag nutzen und brauchen dafür gerade einmal 5 Minuten.

 

Ich hätte gerne diese Vorgehensweise schon vor Jahren gekannt, dann wäre die Situation in meiner Eingangsgeschichte sicher anders verlaufen. Aber warum nach hinten sehen, wenn vor einem noch so viel Potential liegt? Den Glaubenssatz der vertanen Zeit einfach abhaken und nach vorne sehen.

 

 

 

 

 

 

Sylvie Bueb
Sylvie Bueb ist Personalexpertin und Trainerin und betreibt mit Martina Baehr „Die Gelassenheitsformel“ ein 6-Schritte-Programm zu mehr Erfolg und Souveränität im Berufsalltag.