Ich stelle in meinen Coachings immer wieder fest, dass der Begriff Intuition falsch verstanden wird. Was bezeichnet man als Intuition? Und wo liegt der Unterschied zum Bauchgefühl? Können wir unserem  unser Bauchgefühl trauen oder führt es uns nicht auch in die Irre?

Viele Fragen, die mich veranlasst haben, über diese Frage nachzudenken. Und Ihnen aufzuzeigen, dass es einen grundlegenden Unterschied gibt zwischen diesen beiden Begriffen.

 

Kairos als Gott der magischen Eingebung

Der Begriff der Intuition ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Schon die alten Griechen hatten einen Gott, der der Intuition zugeordnet wurde. Sein Name: Kairos, der Sohn des Zeus. Philosophen und Wissenschaftlern wie Pythagoras, Archimedes und Thales verehrten ihn gleichermaßen. Man schrieb ihm die Gabe des besonderen, richtigen Moments zu, in dem wichtige Entdeckungen gemacht wurden oder einfach nur schicksalhafte Begegnungen stattfanden. Dieser Gott macht uns das Geschenk der magischen Eingebung, der kreativen Einfälle, die scheinbar aus dem Nichts kommen.

In unserer heutigen, modernen Welt tritt Kairos in vielen Verkleidungen auf, meist jedoch als die bekannte „innere Stimme“, die wir in bestimmten Momenten verspüren. Oft sind wir jedoch bei wichtigen Entscheidungen skeptisch und setzen lieber unseren rationalen Verstand ein – zu Unrecht, wie ich meine. Denn viele Forscher geben zu, dass sie die Intuition auf den richtigen Weg geführt hat. Und mutige, intuitive Visionen sind es, die den Menschen über sich selbst hinauswachsen lassen. So hat selbst Albert Einstein, der visionäre Denker und Physiker, die Intuition als göttliches Geschenk und den denkenden Verstand als treuen Diener bezeichnet.

 

Eine gute Intuition hilft uns, Informationen zu filtern

Gerd Gigerenzer ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und beschäftigt sich seit Jahren mit intuitiv erworbenen Wissen. Er stellt die gängigen Vorstellungen von rationalem Handeln und Entscheiden infrage und ist überzeugt, dass unsere Intuition oft klüger ist als unser Verstand: „ Wir leiden in vielen Entscheidungssituationen nicht an einem Mangel, sondern an einem Überfluss an Informationen. Wir können nur eine begrenzte Anzahl an Informationen verarbeiten. Ein Experte zeichnet sich durch eine gute Intuition aus, die ihm sagt, welche Information er braucht und welche er ignorieren kann.“

Ist das nicht genau die Crux unseres digitalen Zeitalters? Wir haben so schnell und leicht Zugang zu Wissen und Informationen wie nie zuvor. Was früher nur Eliten zugänglich war, ist heute Allgemeingut, Internet macht es möglich. Für die Mitarbeiter in den Unternehmen ist all das mittlerweile Realität geworden – denken wir nur an unsere Email-Flut, ständige Verfügbarkeit durch mobile Kommunikationsgeräte und weltweite Vernetzung. Die Frage, wie man sich hier abgrenzen kann und für sich stimmige Entscheidungen trifft, gewinnt also immer mehr an Aktualität. Hier kann uns die Intuition gute Dienste leisten.

 

Intuition kann man entwickeln

Wir wissen also selbst was gut für uns ist Wenn dem so ist, wie zapfen wir denn diese Wissensquelle am besten an? Sind es nicht nur zufällige Momente, in denen wir den „Intuitionsfunken“ spüren oder kann man das ganz systematisch entwickeln?

Aus meiner Erfahrung heraus, ist Intuition erlernbar, keine Frage. Mit einer konkreten Handlungsanleitung und regelmäßigem TUN, nehmen wir durch regelmäßiges Üben dann immer mehr Kontakt zu unserer inneren Stimme auf. Zunächst ist sie noch etwas leise und schüchtern, aber je mehr man sich mit ihr beschäftigt, desto mehr können wir sie zu unserem Verbündeten machen.

Doch wie können wir wissen, ob die Intuition oder das, was wir für Intuition halten, wirklich das Beste für uns ist? Kann es nicht sein, dass wir nicht unsere Intuition, sondern versteckte Vorurteile oder Gewohnheiten „erspüren“. Wie kann man so etwas unterscheiden?

Hier ist erst mal wichtig, sprachlich zu unterscheiden. Denn das, was wir im allgemeinen Sprachgebrauch als Bauchgefühl bezeichnen und der Begriff der Intuition ist eben nicht das Gleiche.

 

Was ist eigentlich ein Bauchgefühl?

Die alten Chinesen wussten es schon 2000 Jahre vor uns, was die moderne Apparatemedizin heute klinisch nachweisen kann: in unserem Verdauungsorganen, also Magen und Darm befindet sich ein Netz von mehr als 100 Millionen Nervenzellen. Der New Yorker Neurologe Michael Gershon hat hier den Begriff des „gut-brain“ oder „Bauchgehirn“ geschaffen.

Es steht in regelmäßiger Wechselwirkung durch sogenannte Feedbackschleifen mit unserem Gehirn in Verbindung, genauer gesagt: unserem emotionalen Zentrum. Wenn Sie also ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend haben, wenn Sie einen neuen Mitarbeiter zur Tür hineinkommen sehen, dann kann es sein, dass Sie dieser Mensch unbewusst an jemanden erinnert, den Sie nicht mögen. Die Feedbackschleife signalisiert Ihnen dann in Form des Bauchgefühls, vorsichtig zu sein, auch wenn Sie sich das im Moment nicht erklären können.

 

Ein Bauchgefühl bezieht sich auf bereits erlebte Erfahrungen

Nehmen Sie das Gefühl dann für bare Münze, kann es sein, dass Sie diesen Mitarbeiter Zeit seiner Anwesenheit in der Firma stets mit einem gesunden Misstrauen beäugen und nicht mit einer neutralen, offenen Haltung. Dieses instinktive Verhalten will uns schützen – es könnte ja sein, dass sich hinter dem freundlichen Lächeln ein „fieser Kerl“ versteckt, so wie Sie das schon einmal erlebt haben.

Na, kommt Ihnen das bekannt vor? Solche Haltungen können dann leider noch lange anhalten.

Solche Reaktionen sind also instinktive Verhaltensweisen, die sich auf das beziehen, was unser Körper schon kennt. Wir haben schon einmal eine Erfahrung gemacht und im emotionalen Reservoir unseres Gehirns wurde das abgespeichert. Das können positive oder negative Erfahrungen sein. Im Falle einer unangenehmen Erfahrung kommt es sofort zum „Datencheck“: Achtung, bereits erlebt, aufpassen, Gefahr!

 

Intuition hat ein anderes Feedbacksystem

Bei der Intuition sieht die Informationsverarbeitung anders aus. Hier kommt das Regulationssystem Herz/Gehirn ins Spiel. Des Herzens? Ja, Sie haben richtig gelesen, unser Herz verfügt über ein selbstständig operierendes System von Nervenzellen, 40.000 an der Zahl. Wissenschaftler konnten dies in den 90iger Jahren nachweisen.

Neure Untersuchungen, insbesondere des Heart Math Instituts in den USA, haben sogar etwas noch Spannenderes herausgefunden: sie konnten durch zahlreiche Versuche mit Probanden belegen, dass das Herzgehirn Informationen empfängt, bevor sie unseren bewussten Verstand erreichen https://www.heartmath.org/research/research-library/intuition/electrophysiological-evidence-of-intuition-part-1/.

Herz und Gehirn arbeiten hier also Hand in Hand. Insbesondere scheint das Herz noch Zugang zu anderen Wahrnehmungskanälen zu haben, die es dann an unser Gehirn weiterleitet. Eine wirklich neue, innovative Idee scheint also viel mehr von unserem Herz also von unserem Verstand „angetriggert“ zu werden. Auch wenn man sich heute noch nicht richtig erklären kann, wie das funktioniert.

Ich halte es in solchen Situationen pragmatisch. Ich weiß ja auch, dass wenn ich den Lichtschalter umlege, es in meinem Zimmer hell wird. Da brauche ich nicht die physikalischen Zusammenhänge des Lichteffektes verstehen. So ist es auch mit der Intuition: wenn man einmal weiß, wie man darauf systematisch zugreifen kann, muss man es einfach nur noch TUN.

 

Intuition systematisch anzapfen – praktische Tipps

Was können Sie also ganz konkret tun, um Zugang zu Ihrer Intuition, ihrer inneren Stimme aufzubauen?

Nun, der erste Tipp ist erst mal: ziehen Sie sich aus dem Lärm des Alltags für ein paar Minuten zurück. Die innere Stimme ist ja erst mal eine zarte Pflanze, die Zuwendung braucht. Wenn alle möglichen Störfelder im Hintergrund arbeiten, wird sie sich nicht zeigen.

Dann schließen Sie für einen Moment die Augen und gehen mit Ihrer Aufmerksamkeit nach innen. Versuchen Sie, sich von den Gedankenschleifen, die sie in dem Moment beschäftigen, zu distanzieren. Am besten machen Sie das über eine Atemtechnik: Sie gehen mit Ihrer Aufmerksamkeit auf die Gegend Ihres Herzens. Dann stellen Sie sich vor, dass Sie über diese Körperregion langsam ein- und ausatmen.

Sie werden spüren, dass Sie innerlich ruhiger werden. Nun hat Ihre innere Stimme den Raum, um Gehör zu finden. Wenn Sie möchten, können Sie sich Ihre innere Stimme auch als persönlichen Berater vorstellen, der Ihnen gegenübersitzt. Vielleicht Gandalf, der Magier aus dem Herrn der Ringe? Richten Sie dann Ihre Frage an sich oder Ihren imaginären Berater. Seien Sie aufmerksam, was kommt. Seien Sie geduldig. Aber seien Sie neugierig, was Ihnen Ihre innere Stimme zu sagen hat!

 

Wir wünschen Ihnen bei der Umsetzung alles Gute und viele positive, intuitive Erkenntnisse!

Sylvie Bueb
Sylvie Bueb ist Personalexpertin und Trainerin und betreibt mit Martina Baehr „Die Gelassenheitsformel“ ein 6-Schritte-Programm zu mehr Erfolg und Souveränität im Berufsalltag.